Warum der Kopf rund ist? Damit Denken die Richtung wechseln kann!

by Wolfgang Goede | 25. März 2026 12:00

Es sind schwierige Zeiten und die Ideologismen zerren mal wieder heftig an ihren Ketten. Rechts gegen links, links gegen rechts – wofür man sich auch immer halten möge, immer kräftig hau-druff. Wenn das Denken die Richtung ändert gebietet Einhalt und ist bemüht, den volatilen Zeitgeist mit der Vernunft zu bändigen, mit Augenmaß die aktuellen Herausforderungen einzuhegen.

Rütteln am Demokratieverständnis

Gerade für Jahrgänge aus den 1950ern sind die 14 Kapitel, darunter Promi-Autoren wie Henryk M. Broder, Antonia Grunenberg, Harald Martenstein, eine spannende Zeitreise durch ihre politische Sozialisierung. Sie reicht vom braun durchsetzten Postnationalsozialismus der Bundesrepublik und dem ideologisch verkrampften DDR-Sozialismus über Willy Brandts Aufbruch „Mehr Demokratie wagen“ bis hin zu den Entgleisungen der 68er-Bewegung im RAF-Terrorismus. Es folgen die Zersplitterung der Linken in Anti-Atomkraft-Bewegung, Spontis und Hausbesetzer, durchsetzt von marxistischen Hardlinern, die spätere Bündelung in der Grünen Partei sowie der Fall der Mauer mit der bis heute eher missglückenden Wiedervereinigung. Auch islamistischer Terror, die Migrationskrise und Merkels „Wir schaffen das“ bis hin zum aktuellen Nahost-Kriegsherd stehen im Brennglas.

Dies alles aus den Perspektiven von Personen, die sich in ihrer Jugend dem linken politischen Spektrum zurechneten, aber sich mittlerweile davon abgewandt haben, nur: So unterschiedlich die Zugänge zur Wiedergeburt Deutschlands aus den Trümmern des Nationalsozialismus auch sind – einig sind sich alle darin, wie notwendig das damalige Rütteln an Institutionen und mangelhaftem Demokratieverständnis war.

„Faszinosum Revolution – naiv“

Daniel Cohn-Bendit, neben Joschka Fischer eine Ikone der 68er, formulierte einst, fast romantisch: „Wir haben sie so geliebt, die Revolution.“ In seiner Autobiografie und späteren Interviews räumt er jedoch ein, dass sich viele damalige Aktivisten über das Wesen des Kommunismus getäuscht hätten. „Naiv“ nennt er diese Faszination rückblickend.

Zu ähnlichen Schlüssen kommen die Autoren des Buches: Der Marxismus-Leninismus habe in über hundert Jahren kaum die versprochenen gesellschaftlichen Fortschritte hervorgebracht, dafür jedoch vielfach Leid und Elend.

Hier beginnt das eigentliche Problem: Wohin orientieren sich Menschen, die sich aus diesen ideologischen Prägungen lösen? Zur klassischen Sozialdemokratie, der zunehmend die traditionelle Wählerbasis fehlt? Zur politischen Rechten oder gar Radikalrechten, die historisch schwer belastet ist und in aktuellen Strömungen wieder Auftrieb erhält? Schnell geraten Abtrünnige in entsprechende Schubladen.

Woke oder was?

Und die Grünen? Auch sie schneiden bei den Autoren eher kritisch ab: zu dogmatisch, zu „woke“. Dieser Begriff steht inzwischen für ein breites Spektrum von Antirassismus, Feminismus, queeren Identitäten, Postkolonialismus und Klimabewegung – gewissermaßen die neue Speerspitze gesellschaftlicher Veränderung, vergleichbar mit den 68ern.

Im sogenannten Wokismus, kontrovers diskutiert, ist keineswegs alles falsch. Bricht die Sprache zusammen, wenn wir von „Lehrenden“ und „Studierenden“ sprechen? Ist es nicht zutreffend, dass über lange Zeit vor allem weiße, meist ältere, patriarchalisch geprägte Männer globale Normen geprägt haben – die Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus Vorschub leisteten? Und wie bewerten wir den Geist der Aufklärung, der einerseits diese bedauernswerten Entwicklungen begleitete, andererseits Wissenschaft und Technik hervorbrachte – mitsamt lawinenartig wachsendem Energieverbrauch und überbordenden Materialismus? Wo liegen die Grenzen, und wer definiert sie?

Übergriffige Christen und Islamisten

Die Klimadebatte wirkt hier als Korrektiv, das zum Maßhalten mahnt – gleichzeitig auch daran erinnern sollte, dass die großen Klimaveränderungen und Katastrophen historisch und erdgeschichtlich nie menschengemacht waren. Ebenso gilt: Wenn wir die übergriffige Rolle der christlichen Religion kritisch betrachten, überrascht es nicht, ähnliche Tendenzen auch im politischen Islam zu sehen. Gleichzeitig stehen Praktiken wie die Unterdrückung von Frauen im harten Widerspruch zu modernen Freiheitsvorstellungen.

Feminismus und Antifeminismus schließen einander aus. Wenn sich Neo-Nazis und Islamisten im Antisemitismus begegnen, zeigt sich eine unheilvolle Schnittmenge. Und wenn in Deutschland Forderungen nach einem Kalifat laut werden, gar schulische Autoritäten angefeindet werden, wird eine rote Linie überschritten und Toleranz hört auf.

Geben wir uns keinen Illusionen her: Ganz egal wo wir hinschauen, wir sind eine unfertige Gesellschaft, werden es vermutlich immer bleiben. Fortschritt entsteht stets dort, wo Menschen Veränderungen anstoßen, ohne in Extreme oder Widersprüche zu verfallen. Doch eine klare politische Heimat jenseits der klassischen Links-Rechts-Achse ist für viele bislang nicht erkennbar – und die politische Mitte erscheint ebenfalls nicht als Fels in der Brandung.

Dreadlocks oder lähmender Stillstand?

Das Buch ist edel gestaltet, viele Beiträge lesen sich absolut spannend, etwa die Lebensgeschichte der Kabarettistin Monika Gruber; nur aufs Lektorat kommt bei der nächsten Auflage Arbeit zu, nämlich einige der Fehler zu korrigieren, so etwa „Deadlocks“, was als „lähmender Stillstand“ für dieses Land ja auch nicht ganz falsch wäre, nur dass damit die unter den Verdacht „kultureller Aneignung“ geratenen Haarlocken gemeint waren.

Bleibt die grundsätzliche Frage: Neigen wir Deutschen besonders zu gefährlichen Extremen? Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass das Trauma von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg weiterhin nachwirkt. Eine latente moralische Schuld erschwert bis heute die Suche nach Balance, speziell in der Migrationsdebatte.

Arendts moralischer Imperativ: Denken ohne Geländer

Am Ende ist jeder aufgefordert, selber zu denken und damit auch überkommene und lieb gewordene, oftmals veraltete Denkhülsen hinter sich zu lassen. Das ist immer dann verlangt, wenn wie derzeit die Lebensumstände sich in galoppierendem Tempo ändern. Als Handreichung dafür hinterlegt Antonia Grunenberg den bildhaften Satz „der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“. Als moralischer Imperativ für eine freie und sich selbst moderierende Gesellschaft gilt das Postulat der mehrfach zitierten Hannah Arendt. Sie wendet sich gegen jede Art von betreutem Denken und fordert mutig, ja weltformelhaft: „Denken ohne Geländer“.

Und zwar im Alltäglichen, vom neue Rezepte, Wege und Speisen ausprobieren, mal um hab fünf statt um acht aufstehen, statt Mozart einen chinesischen Musikabend besuchen – bis im großen Ganzen sich mal auf Neues, eine andere Denke und Geist einlassen, vielleicht auch auf dieses anregende Werk.

Ulli Kulke, Reinhard Mohr (Hrsg.): Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind. Kohlhammer, Stuttgart 2026, 24 €

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