Was Surrealismus und Quantenmechanik vereint

by Wolfgang Goede | 21. Mai 2026 22:23

Der Titel dieses Buches lockt mit „Zärtlichkeit“. Sie scheint die Traumwelten und die Imagination des Surrealismus zu umhegen und eine erquickende Lektüre zu versprechen. Am Ende jedoch erlebt der Leser eine harte Landung auf einer Knüppelpiste. Seite für Seite zerstieben die Illusionen, und er findet sich in der Ohnmacht einer gescheiterten „Revolution“ wieder. Diese lastet der Autor einem von Heuchelei durchdrungenen Bürgertum an.

Vom Wollen, aber nicht Können

Hundert Jahre Zärtlichkeit ist ein desillusionierendes Buch. Mit dem Surrealismus verbinden wir gemeinhin Traumwelten — etwa zerlaufende Uhren, in denen diese Bewegung ihren bis heute populärsten künstlerischen Ausdruck fand. Grundsätzlich aber ging es den Surrealisten um die Umgestaltung ihrer gesellschaftlichen Realität. Diese erschien ihnen verlogen, weil sie sich an bürgerlichen Werten wie Besitz, Status und Konsum ausrichtete. Die vom Surrealismus entfachte Revolution musste jedoch scheitern, weil dieses Aufbegehren gegen die Bürgerlichkeit wiederum von Bürgern getragen wurde, die aus ihrer Haut nicht herauskonnten. So die Kurzversion.

Die Geburt dieses Aufstands erfolgte 1924, inmitten der großen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg. 2024 blickte der Surrealismus auf sein hundertjähriges Jubiläum zurück, das vor allem in Paris begangen wurde — jener Stadt, von der dieser Geist in die Welt ausstrahlte. An dem Befund des Autors Pierre-Héli Monot hat sich auch heute, zum 102. Gedenkjahr, nichts geändert. Allenfalls ist die Welt, ähnlich wie in den Geburtsjahren des Surrealismus, noch turbulenter geworden — fast surrealer in unserem landläufigen Verständnis. Denn:

„Westliche Gesellschaften sind besser als je zuvor über ihre eigene Dysfunktionalität informiert; noch nie haben Menschen so souverän über das Elend der Welt sprechen können. Zugleich ist die Möglichkeit einer effektiven, diesem Elend angemessenen Handlungsfähigkeit nie so stringent vereint worden. Wieso will man, kann aber nicht?“

Unvereinbarkeit der Gegensätze

Der Autor gelangt in diesem über weite Strecken anspruchsvollen, um nicht zu sagen schwer verständlichen Buch zu keiner wirklich einleuchtenden Analyse. Liegt der Grund, wie mitunter angedeutet, darin, dass ein dritter Weg zwischen dem damals populären Faschismus und Stalinismus auf einer höheren Ebene zu suchen wäre — einer Ebene, die aus dem engen politischen Spektrum ausbricht und sich neu verortet? Dafür fehlen bis heute tragfähige Theorien. Weder die nichtgegenständliche Kunst noch Freuds Traumlehre oder die Vorstellung einer Über-Existenz reichten aus, um praktische Handreichungen für eine gesellschaftliche Umsetzung zu liefern.

In dieser Abhandlung begegnet man häufig einem Begriff, der vermutlich nur wenigen geläufig ist: „oxymoronisch“. Damit sind Gegensätze gemeint, die sich zu neuen, wirkmächtigen Aussagen verbinden lassen — etwa „scharfsinnig“ und „unsinnig“ zu „scharfsinnigem Unsinn“. Die Beschreibungen und Formulierungen des Buches enthalten viele solcher Beispiele. Am packendsten kommt dies in dem Satz zum Ausdruck: „Das Unvorstellbare ist nicht das Unmögliche, aber das Vorstellbare ist das Unmögliche.“

In der Tat: Darum geht es. Und in gewisser Weise zielte auch die 2025 hundertjährige Quantenphysik genau darauf ab. Sie zog unserer Realität neue Ebenen des Verständnisses ein — Ebenen, die sich durchaus als surreal bezeichnen ließen.

Dalí empfand ihn als Pest

Am Ende scheiterte der Surrealismus vermutlich an allzu nebelhaften Vorstellungen von einer anderen Realität jenseits der bürgerlichen Ordnung und der politischen Extreme. Hinzu kamen ein zu dogmatisches Auftreten und ein Mangel an praktischer Kreativität. Davon zeugt auch eine Bemerkung Dalís — des Malers der zerlaufenden Uhren, deren berühmtestes Bild heute auf rund 150 Millionen US-Dollar geschätzt wird — über den Vater des Surrealismus, André Breton:

„Wenn Breton von Politik redete, kam er mir vor wie ein Volksschullehrer, der einer Elefantenherde, die durch einen Porzellanladen trampelt, die Verkehrsregeln beibringen will. Die Disziplin. Er führte nur immer dieses eine Wort im Mund! Für einen Künstler war das die Pest!“

Pierre-Héli Monot: Hundert Jahre Zärtlichkeit. Surrealismus, Bürgertum, Revolution. Matthes & Seitz, Berlin 2024, 20 Euro.

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