by Wolfgang Goede | 8. Juni 2026 21:18
Dieses neue Buch fällt aus der Zeit. Oder vielleicht gerade mitten in sie hinein – in eine Gegenwart, die nach Aufklärung über die Vergangenheit sucht?
Arbeiten, arbeiten, arbeiten
Auf dem Cover: eine bäuerliche Frau in Schürze vor einem baufälligen Haus, die eine Ziege an den Vorderpfoten hält. Darunter der Titel: Luise. Die Erprobung eines Abschieds. Eine polnisch-deutsche Familiengeschichte. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto aus einem Familienalbum, das sich in seiner Schlichtheit wohltuend von der oft schrillen Hochglanzästhetik unserer Tage abhebt.
Was manchen trotz aller Armut fast idyllisch erscheinen mag, ist rund ein Jahrhundert alt. Bild, Titel und Text erzählen von harten Zeiten im damaligen Westpreußen, unweit von Danzig an der Ostseeküste. Das Gebiet wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag Polen zugesprochen – eine Entscheidung, die von vielen Deutschen als Unrecht empfunden wurde und zum Aufstieg des Nationalsozialismus beitrug.
Doch diese politischen Konflikte und die oft gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen stehen nicht im Mittelpunkt des Buches. Der Fokus liegt vielmehr auf den damaligen Lebensverhältnissen. Es gab nur eines: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Überleben auf der kargen Scholle, bedroht von der nur 500 Meter entfernten Ostsee und ihren Wetterkapriolen. Da erschien selbst das samstägliche Gemeinschaftsbad im Waschzuber als kaum fassbarer Luxus.
Gemeinsames Familienbad im Waschzuber
Einer nach dem anderen steigt in die lauwarme Brühe – entsprechend Alter und Rang. Die Kinder kommen zuletzt an die Reihe, wenn sich auf dem Wasser bereits eine schmierige Schmutzschicht gebildet hat. Diese Praxis hielt sich übrigens in vielen Haushalten bis in die 1950er Jahre, als warmes Wasser noch kostbar war. Das gemeinsame Familienbad fand dann immerhin schon in einer richtigen Badewanne statt. Die tägliche Dusche wurde erst mit der Wohlstandsgesellschaft der 1970er Jahre zur Selbstverständlichkeit.
Zweimal im Jahr wird Heu gemacht, bis in die 1920er Jahre hinein noch mit der Sense. Im Mai steht das Torfstechen an. Kartoffeln, Gemüse, Flachs, Raps und Runkelrüben werden für Mensch und Tier angebaut, und im Hochsommer beginnt die Getreideernte.
Pizza, Döner und Cola? Unvorstellbar. Morgens gibt es fade Milchsuppe, mittags Pellkartoffeln, abends einen Knust trockenes Brot. Fleisch kommt allenfalls an Feiertagen auf den Tisch. Der Sonntag gehört noch dem Herrn, und der Kirchgang führt oft über weite Strecken. „Ora et labora“ – bete und arbeite. Im Umland der einst weltoffenen Hansestadt Danzig scheint vielerorts noch das Mittelalter nachzuwirken.
Leben im „Korridor“
Maloche statt Freizeit und Urlaub – das war die Lebensrealität jener Jahre, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Erst 1929 wurde der Begriff „Freizeit“ in den Duden aufgenommen. Nur wohlhabenden Bürgerlichen war es vergönnt, für ein oder zwei Wochen in die Sommerfrische zu reisen, die meist gar nicht weit von der eigenen Haustür entfernt lag.
Soweit die historische Rahmung. Nun folgen einige Eindrücke, Assoziationen und Kommentare einer Leserin: Ursula, Jahrgang 1946, Tochter von Eltern aus bäuerlichen Verhältnissen. Die Familie lebte weiter südlich in der Gegend von Bromberg und Simkau, floh 1945 aus Westpreußen und gelangte an die schleswig-holsteinische Ostseeküste. Dort erfand sie sich unter völlig veränderten Lebensbedingungen neu, gründete ein Unternehmen für modische Damenkonfektion und baute ein Haus. Sie gehörte zu jener Generation, die am Wiederaufbau Deutschlands mitwirkte. Trotz ihrer erfolgreichen Verwurzelung im hohen Norden gaben die Eltern die Hoffnung auf eine Rückkehr in die alte Heimat nie ganz auf.
„Dieses Buch beschreibt die damaligen Lebensgewohnheiten und Denkweisen der Menschen, die im sogenannten Korridor zwischen Deutschland und Polen, also in Westpreußen, gelebt und funktioniert haben. Es kann uns, der ersten Nachkriegsgeneration, vermitteln, von welchen Sichtweisen unsere Eltern und Großeltern geprägt waren.
Suche nach Antworten, „warum wir so geworden sind, wie wir sind“
Religion spielte eine große Rolle, ebenso die nie endende Arbeit, der Nationalsozialismus, eine Erziehung mit strengen Anforderungen an oftmals große Kinderscharen sowie mangelnde Bildungschancen. Die Generation der zwischen etwa 1900 und 1940 Geborenen, oft in Schweigen gehüllt und angeblich ahnungslos gegenüber den Entwicklungen im Deutschen Reich, wird hier in ihrer damaligen Lebenswirklichkeit sichtbar gemacht. Es findet eine gewisse Enttarnung statt.
Dies geschieht durch die tiefgehenden Fragen der Autorin an ihre Großmutter und weitere Familienmitglieder sowie durch die begleitende Lektüre historischer Quellen und Geschichtsbücher.
Nach wie vor bleibt vieles offen. Doch wir, die erste Nachkriegsgeneration, finden Antworten darauf, warum wir so geworden sind, wie wir sind. Viele von uns haben sich diese Frage immer wieder gestellt und dabei nur selten Erkenntnisse gewonnen.“
Heilendes autobiografisches Schreiben
Die Leserin fand sich bei der Lektüre auf den Pfaden ihrer eigenen Familiengeschichte wieder. Angeregt durch das Buch arbeitet sie inzwischen auch an ihrer eigenen Biografie. Darin spiegelt sich vieles jener Vergangenheit, die bis weit in die Nachkriegszeit hineinwirkte und das Familienleben prägte.
Der Blick auf die Herkunft der Eltern und Großeltern – auch vermittelt durch dieses Buch – besitzt einen aufklärenden Charakter. Er beseitigt manche Fragezeichen, wirft aber zugleich neue auf. Insgesamt hat dieses autobiografische Schreiben etwas Versöhnendes und Heilendes. Es hilft, erlittene Nöte besser zu verstehen und einzuordnen. Dieser Impuls scheint einer der größten Verdienste des Buches zu sein.
Abschließend noch ein kurzer roter Faden durch die Handlung: Die Autorin Monica Brandis beschreibt das Leben ihrer Großmutter Luise – vom Kind in einem westpreußischen Dorf über die Lehrzeit im Berlin der 1930er Jahre bis zur Witwe mit Baby während des Krieges und zur Arbeiterin im Nachkriegsdeutschland.
Wie sich Geschichte in einzelne Leben einschreibt
Am Beispiel ihrer Familie nähert sie sich zwischen großen historischen Umbrüchen und leisen persönlichen Erinnerungen der Vergangenheit an. Luises Brüder arrangieren sich mit dem NS-Regime, einer von ihnen landet später im Gefängnis. Ihre Schwester wird 1946 mit ihrer Familie von ihrem Hof nahe Danzig vertrieben und baut sich in Mecklenburg ein neues Leben auf.
Eine deutsche Familiengeschichte – eine von vielen ähnlichen –, die zeigt, wie sich Geschichte „in einzelne Leben einschreibt und wie die Neugier einer Enkelin diese Spuren wieder sichtbar macht“, wie der Westend Verlag schreibt. Auch die Leserin weiß dies zu schätzen. Ihr Fazit lautet:
„Ein empfehlenswertes Buch zum Weiterkommen und für ein besseres Verständnis vieler Zusammenhänge.“
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