by Wolfgang Goede | 24. Juni 2026 10:48
In ihrem Urkern stellt sich die Welt in Gegensätzen auf. Dies schlägt sich nieder im Wort „Dialektik“, wörtlich übersetzt „zwischen dem Sein“. Das ist ein Denkmodell, formuliert von unseren antik-griechischen Vätern der Philosophie. Ihm unterliegen der wissenschaftliche Erkenntnisdrang ebenso wie die parlamentarische Demokratie. Um es mit Peter Sloterdijk (* 1947) dem deutschen Philosophen, und seinen Zitaten zu erklären:
Im Hell und Dunkel, Gut und Böse, These und Antithese, Exekutive und Legislative, Allein- und Volksherrschaft und etlichen weiteren Gegensätzen manifestiert sich unser Leben. Sloterdijks aktuelles Buch Der Fürst und seine Erben tastet dieses Wechsel- und Spannungsfeld im Politischen aus.
„Wer waffenlos gut sein möchte, geht zugrunde“
Sein Regisseur und Spielmacher darin ist Machiavelli (* 1469, † 1527). Aus der blutigen Politikgeschichte Italiens im 15. und 16. Jahrhundert leitete der Florentiner ab, dass ein Fürst kein Gutmensch sein dürfe, er notfalls auch mit Gewalt durchgreifen müsse, um im Chaos staatliche Ordnung zu schaffen, Zitat: „Wer waffenlos gut sein möchte, geht zugrunde.“ Softer, im Tenor nicht viel anders befand Franz Josef Strauß (* 1915, † 1988): „Everybody’s Darling is everybody’s Depp.“
Passenderweise zeigt das Suhrcamp-Buchcover einen Trump im Gewande aus der Machiavelli-Zeit. In der Einordnung verweist der Autor auf das US-Intellektuellen Blatt The Atlantic, das den Präsidenten shakespearesk in Wort und Bild „Americas’s Mad King“ betitelte. Wobei Sloterdijk selbst zu einer milderen, auch flacheren Bewertung kommt: „Trump ist kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt.“
Also, es geht um Herrschaft und Moral, allgegenwärtige Abstürze – die korruptive Kraft politischer Macht. In einer langen Liste historischer Beispiele zeigt der Autor, wie häufig die nach Ruhm und Macht Drängenden sich des ersten Prinzips bedienten, alle Kontrollen umschifften respektive niederrissen und sich gottgleich zur Spitze aller Weltlichkeit emporschwangen—um in ihrem eitlen Wahn allzu oft ein klägliches Ende zu finden. So wie der erdolchte Cäsar, nebst so vielen anderen. Was manchmal vielleicht auch nicht ganz unkalkuliert erfolgte wegen des posthumen Ruhms, der länger klebt als profan irdischer, mitunter fast ewig.
Theaterstaaat versus Demokratie
Am intensivsten arbeitet Sloterdijk sich an der Französischen Revolution ab, gemeinhin als unsere Stunde null der Demokratie zelebriert, die exakt zur zweiten Maxime ausholte, die Kronen von den Häuptern zu holen. Sich dabei allerdings rasch in den Terror verstieg, besagte Köpfe mit herunterriss, um dann wiederum Napoleon hervorzubringen, der sich selbst zum Kaiser ausrief, den demokratischen Gebärprozess um fast ein Jahrhundert ausbremste und dem Elysée-Palast bis heute zu imperialem Glanz verhilft.
Gerade diese Episode auf dem stürmischen Meer der Wogen und Untiefen von Herrschaft ist erkenntnisreich, unterhaltsam auch in der Häme, die Sloterdijk herausblitzen lässt, worin er Victor Hugo in seiner Schlacht der Worte gegen die napoleonisch-bonaparte‘sche Herrscherlinie folgt. Während viele heutige Franzosen dem ersten Napoleon, dem Eroberer und Verbannten, ohne wenn und aber als Nationalhelden huldigen.
Diesen neuesten Sloterdijk mag man wegen seiner verschachtelten Sätze, Abschweifungen, französischsprachigen Einblendungen, ungenauen Erläuterungen, Sprünge mitunter in aufwallenden Schüben in die Ecke pfeffern wollen. Streckenweise ließe sich die Lektüre als Zumutung charakterisieren, wiewohl sie von tiefgründiger Bildung, Belesenheit und Reflexion zeugt, in dieser Qualität an die Seiten bannt und natürlich positiv von den Leitmedien rezensiert wird. Operettenhafte Oberhäupter im vielfach von ihm benannten „Theaterstaat“ nehmen den Autor wohl so gefangen, dass er auch einmal ein langgedehntes Dreifach-a raushaut, durchgewunken vom Lektorat. Bei „politischer Unisonorisierung“ erahnt man, was er gemeint haben könnte, dennoch gibt es dieses Wort nicht – die Freiheit des Philosophen? Dem auf dem Philosophenthron?
„Stop making sense“
Eine richtige Lösung aus dem Kreislauf von selbstherrlich autokratisch-tyrannischer Ermächtigung und Volksrevolution, Usurpation und Entmachtung, mit oft erneuter Usurpation wie im Sowjetkommunismus, heute zum Putinismus mutiert – die Synthese aus These und Antithese legt der hochdotierte Sloterdijk nicht vor, jedenfalls nicht so richtig greifbar. Eine die das dialektische Weltverständnis erdet, den Kreislauf zumindest in eine aufwärts gerichtete Spirale überführt.
„Stop making sense“ und „nur ein Idiot kann uns noch retten, verstanden als Auslöser der befreienden Disruption“ – solche Sätze, wenngleich Zitate, lassen aufhorchen. Hier flirtet der Autor, offen eingestanden, mit der Absurdität allen Seins. Einer populistischen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge zuneigend? Einem Ende der europäischen Aufklärung entgegen?
Oder will er sein Publikum aus Lethargie und Mehltau aufrütteln? Mit dem aus der Absurdität herausgeborenen existenzialistischen Weckruf: „Wir sind zur Freiheit verdammt.“ Und damit auch zur Mitverantwortung, die die Pole Sinn und Unsinn überbrückt. Was die synthetisierende Funktion der Dialektik retten hülfe, nämlich aus These und Anti-These die Syn-These entstehen lässt.
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