Jeder ein Schöpfer

Simplify your life, vor allem auch Wissenschaft, weshalb wir ganz einfach einsteigen: Materiell ist Die Intelligenz des Universums mit dem Pitch fürs Immaterielle hochsympathisch. 172 Seiten auf einem handlichen DinA 5 Format, große Schrift, inhaltlich gut durchstrukturiert, optisch ansprechend mit Sonne vorne, auch hinten – das nimmt man gerne zur Hand.

Außerirdisches Leben, ja – aber wo?

Und auch jenes Detail ist heute im Immer-schneller-Takt ein Labsal: Fast kein Fehlerteufel durchkreuzt die Druckästhetik – nur drei hat der Rezensent mit Bleistift markiert. Ansonsten hat er das Büchlein mit einer Unmenge Unterstreichungen versehen, Kommentaren, Fragezeichen (darunter zum ärmlichen Anmerkungsregister – acht Verweisen, davon zwei Wikis, aus denen erläuternde Grafiken stammen), Hinweisen auf Wiederholungen; am Ende sind mit gelben Stickern 38 Seiten markiert, in denen der Kritiker die Essenz, die Leseernte wähnt.

Der Physiker Gerd Ganteför versucht anhand von drei Thesen den Beweis zu führen, dass das Universum keine herkömmliche Maschine ist, keine Art Dampfmaschine, die durch den Urknall in Aktion trat, sich ausdehnt, auspowert, erkaltet, irgendwann stirbt und verlöscht (Entropie, die das ganze Buch als roter Faden durchzieht). Dieser Art rein materieller Zufallsentstehung schickt Ganteför einen immateriellen Vektor entgegen, der sich mit etwas Geistigem beschreiben ließe, ohne dass er damit bei einem Schöpfergott landet – ja, aber wo sonst?

Der Autor beginnt bei der Entstehung des Lebens und der Evolution, die nach seinem Dafürhalten im Universum nichts Einzigartiges sein kann. Angesichts von Milliarden Sonnen und möglicherweise noch mehr Planeten wäre Leben auch woanders denkbar, in primitiver oder höchstentwickelter, auch unvorstellbarer Form, nur dass wegen der unfassbar riesigen Entfernungen wir davon nie etwas mitbekommen werden.

Nicht nur Leben, auch Materie ist in Evolution

Nur, die Vermutung bleibt unwissenschaftlich, für viele unseriös, solange nirgendwo Leben entdeckt worden ist. Für manchen Astronomen wäre allein das Erwähnen von Außerirdischen eine Ehrverletzung. So wie Galilei sich mit dem heliozentrischen Weltbild der Verfolgung durch die katholische Kirche als Ketzer aussetzte.

Die biologische Evolution, die den Menschen hervorgebracht hat und noch lange nicht abgeschlossen ist, erweitert der Autor in einer zweiten These zu einer allgemeinen Evolution, die auch unsere materielle Welt einbezieht. Das versucht er mit atomaren Prozessen zu belegen, verzichtet aber auf das Naheliegende: Der ganze Erdball ist durch Vulkanismus und auf den auf dem Erdmantel schwimmenden Erdteilen ständig in Veränderung (Plattentektonik) und bringt laufend neue materielle Strukturen hervor (wie etwa Inseln aus Vulkangestein in Polynesien), die wiederum auch neue Lebensformen gebären.

Beide Welten, die biologische und die materielle, sind eine Einheit, so wie Vorder- und Rückseite einer Münze. In dieser Einfachheit, schlüssig.

Unsterblich durch Sternenstaub und zivilisatorischen Fußabdruck

Als dritte These formuliert der Autor in Anlehnung an den Energieerhaltungssatz den Erhaltungssatz von Information. Auch dies sehr komplex für den Nicht-Physiker, gleichwohl man sich auch hier auf der populären Schiene viel leichter tut.

Also, wir alle bestehen aus kleinsten Bauteilen, sprich Atomen, die ja eine gewisse Bauanleitung sind. Diese Atome kommen von überallher, auch aus dem All, dem sprichwörtlichen Sternenstaub. Er hat sich quasi im Recyclingverfahren neu zusammengesetzt, in unserem Fall zu Menschen. Nach unserem Tode sind unsere Überreste der Baustoff für wiederum Neues. Insofern ist Ewiges Leben zwar nicht unbedingt jenes, wie es die Bibel sich vorstellt, mythologisch-märchenhaft, aber auf jeden Fall physikalisch und polymorph, vielgestaltig.

Sodann noch etwas konkret Informationstechnisches, sehr Greifbares. Seit Anbeginn der Menschheit hat jede Generation, jeder Einzelne sich und seine Lebensleistung in die Kultur eingebracht, sie weiterzuentwickeln geholfen, darin Spuren hinterlassen, mal größere, mal kleinere, aber stets etwas. Insofern leben wir alle, auch Sie, darin fort, als Beitrag zur großen kollektiven Intelligenz, Kultur- und Zivilisationsgeschichte, Menschentfaltung.

Tot und lebendig – beides?

So weit Ganteför, heruntergebrochen, aufs Verstehbare. Will auch sagen: Im Detail ist er schwer fassbar. Wahrscheinlich würde er diese hier angestellte Interpretation als unwissenschaftlich ablehnen, eventuell sogar als falsch. So wie einige seiner Kollegen ihn als eher Eso ablehnen werden.

Seine Thesen, er nennt sie Postulate, hat er in zwei Rahmen gestellt. Der eine ist der Teilchen-Wellen-Dualismus, dargestellt am berühmten Doppelspaltexperiment. Darin verschwimmt Materie zu einer Welle und nur beim genauen Hinschauen verhält sich Materie nach den überlieferten physikalischen Gesetzen.

Mit diesem Mysterium sind wir schon voll in der Quantenphysik und Schrödingers Katze, die beides sein kann, tot und lebendig, anders herum: zwei Einser ergeben nicht unbedingt zwei, sondern können auch null sein, was u.a. den Computern neue ungeheure Rechenleistungen entlocken soll.

Aus den Gegensätzen wächst die Kraft

Aber insgesamt untermauert Ganteförs Ansatz: Das Universum, Schöpfung, Leben, die Gesetze rundherum sind viel mehr als das, was wir glauben es sei, ja nachgerade spukhaft, wie Einstein mal verzweifelt ausrief. Nichts passt richtig zusammen, die Vereinigungsformel, die Weltformel, die die widersprüchlichen Enden zusammenführt, sie fehlt nach wie vor. Im Grunde: Wir stehen noch ganz am Anfang mit unserem Verständnis von uns selbst.

Da muss die Physik noch dicke Bretter bohren! Aber eine der greifbaren Schlussfolgerungen aus der Buchlektüre: Leben, Fortschritt, Evolution entsteht aus Spannung. Die Natur in ihrem Zustand zu bewahren, so deutet der Verfasser an mit Blick auf die Ökologie und Nachhaltigkeit, hält er für eine ideologische Fehlleistung, weil Stillstand zum Ableben führt. Auch damit dürfte er sich bei Vielen wenige Freunde machen. Aber ja, der Dualismus, den gibt’s nicht nur zwischen Teilchen und Welle, er ist der Motor dieser Welt, überall.

Um Die Intelligenz des Universums mal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinunter zu spulen: Schöpferkraft aus diesem allgegenwärtigen Dualismus herauszuziehen, das obliegt jedem selbst. So sperrig, schmerzreich, opfervoll sich das mitunter darstellt, wovon der Autor selbst bestimmt ein Lied singen könnte. Aber nur damit werden wir das Schöpferwerk und unser Verständnis davon fortsetzen.

Vorsicht, Scheiterhaufen!

Ach ja, auch für diese dreiste Ermächtigung hätte vor wenigen Jahrhunderten noch der Scheiterhaufen gedroht. Bis heute ist Auswandern aus dem Mainstream, besonders auch in der Wissenschaft, nicht besonders angesehen.

Gerd Ganteför: Die Intelligenz des Universums. Die immaterielle Komponente der Wirklichkeit. Westend 2026, 22 €

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