Forschung und Innovation müssen die Menschen mitnehmen

by Hanns-J. Neubert | 17. August 2017 15:08

Bürger einer demokratischen Gesellschaft müssen an Forschung teilhaben. Sie sind schließlich nicht nur Konsumenten von Innovationen, sondern erwarten sich Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen, wie Klimawandel oder Verkehr, aber auch für die Überwindung von Armut und Chancenungleichheit.

Damit Forschung integraler Bestandteil der Gesellschaft wird, muss man sie aus ihren Elfenbeintürmen befreien und Gelegenheiten für Begegnungen und öffentliche Debatten schaffen. Wissenschaft und Forschung machen es sich aber schwer, Wege zu finden und Barrieren abzubauen, damit Bürger und Forscher sich als gemeinsame Akteure ihrer Gesellschaft sehen.

Königlich-Flämische Akademie von Belgien für Wissenschaft und Kunst, Brüssel: Ein Ort in dem sich Bürger, Forscher und Künstler begegnen können? ©Neubert

Wie finden Politiker, Forschungsförderer und Wissenschaftler heraus, was die Menschen wollen? Was deren dringende Fragen sind, auf die sie Antworten erwarten? Und wie können Menschen ihre Anliegen, Sorgen oder ihre Begeisterung in Wissenschaft und Innovation einbringen?

Verantwortliche Forschung und Innovation

Antworten auf diese Fragen erhofft sich die Europäische Kommission mit dem Konzept, das sie „Verantwortliche Forschung und Innovation“ taufte, Responsible Research and Innovation, kurz „RRI“.

Das Konzept ist seit Beginn des aktuellen EU-Forschungsrahmenprogramms „Horizon2020“ im Jahre 2014 integraler Bestandteil der meisten geförderten Forschungsprojekte der EU. Natürlich soll es zunächst einmal zur Steigerung der Akzeptanz von Wissenschaft und Technik in den Gesellschaften Europas beitragen – die eigentlich gut da steht, verglichen mit den USA.

Nach Ansicht der EU ist RRI aber unabdingbar für die Vorgabe von „Horizon2020“, „Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft“ zu betreiben. Das europäische Wissenschaftssystem soll offen werden für gesellschaftliche Bedenken und Bedürfnisse, die Geschlechtergleichheit fördern und sich dem Interesse junger Menschen an Wissenschaft – und überhaupt der Öffentlichkeit – nicht verschließen.

Allerdings gibt es noch keine eindeutige Definition von RRI. Das Konzept, das maßgeblich vom EU-Beamten und Philosophen Rene von Schomberg vorangetrieben wurde, soll sich aus praktischen Erfahrungen heraus und den daraus gesammelten Erkenntnissen immer weiterentwickeln. Schon seit Beginn des Jahrtausends lag in der Luft, dass Wissenschaft und Innovation in der Gesellschaft geerdet sein müssen. Die „Wissenschaftsdebatte“ der TELI hat diese Stimmung damals als erste im Jahre 2009 aufgenommen und in ersten Ansätzen versucht, Themen aus Wissenschaft und Technik öffentlich zu debattieren.

Gesellschaftliches Engagement für Forschung und Innovation fördern

Wie man verantwortliche Wissenschaft und Innovation aber noch weiter voranbringen kann, das untersuchen inzwischen eine ganze Reihe von vorwiegend sozialwissenschaftlich orientierten Projekten mit dem Thema RRI. Es geht dabei zum einen darum, wie sich die Wissenschaft öffnen kann und muss, zum anderen, wie die Menschen ihre Anliegen und Interessen in die Wissenschaft einbringen können und – natürlich – um Akzeptanz für Projekte und Projektideen.

Eines davon ist PROSO, Promoting Societal Engagement in Research and Innovation, deutsch: Das gesellschaftliche Engagement für Forschung und Innovation fördern. Wolfgang Goede hat das Projekt in seinem Beitrag vom 14. Dezember 2016 „Right On Track“ (auf Englisch) in der Wissenschaftsdebatte ausführlich vorgestellt. Er berichtete damals von einem PROSO-Expertenworkshop, in dem sich die Teilnehmer darüber austauschten, wie man Bürgerengagement für Forschung und Innovation pflegen kann.

Am 19. Juni 2017, fand in Brüssel eine weitere Veranstaltung des PROSO-Projektes statt, eine Konferenz mehrerer Akteure zum Thema „Die
Gesellschaft für verantwortliche Forschung und Innovation engagieren: Neue Möglichkeiten, weiter zu gehen
“. Einer dieser Akteure war auch der Autor dieser Zeilen.

Zwei Welten

Als Wissenschaftsjournalist mit naturwissenschaftlichem Hintergrund fühlte es sich seltsam an, plötzlich von Sozialwissenschaftlern umgeben zu sein, die für ihr Projekt brennen. Nicht nur deren Vokabular war ungewohnt. Auch das Reden über Interpretationen und Messbarkeiten war fremd, das Bemühen, Definitionen zu finden und in Zahlen zu fassen, für Dinge, die sich Formalismen eigentlich widersetzen. Denn zu facettenreich sind ja Begriffsklärungen, die nur einen Sinn vor kulturellen, gesellschaftlichen und geographischen Hintergründen bekommen – und die ändern sich laufend, mitunter sehr schnell. Das Bemühen, etwas in Messgrößen zu fassen, die in ihrer Abstraktheit nur wenig Aussagekraft haben, erschien schon fast naiv. Denn Teilnehmerzahlen, beispielsweise an Veranstaltungen oder Befragungen, sagen wenig über die Qualität von Gesprächen und Debatten aus, wenig über die Lerneffekte.

Sprachlosigkeit

Erstaunlich war, dass sich die Teilnehmer an der Konferenz kaum bemühten, in treffenden Worten und sprachlichen Bildern das auszudrücken, was sich in Zahlen und formalisierten Begriffserklärungen nicht hinreichend beschreiben lässt. Dabei bot sich genau das an.

Lag es daran, dass die Konferenzsprache Englisch nicht allen so geläufig war, um damit Geschichten zu erzählen? Lag es daran, dass jeder glaubte, nur Zahlen und eindeutige Definitionen würden die Beamten in der Kommission glücklich machen? Oder auch daran, dass man traditionelle wissenschaftliche Kodizes einhalten wollte, um vor den Kollegen und Kolleginnen glaubwürdig zu erscheinen?

Dabei geht es im Kern dieses Projektes doch gerade darum, Bürger und Bürgerorganisationen an Forschung und Innovation heranzuführen, damit sie mitreden können. Doch auf dieser Ebene tat sich eine große Sprachlosigkeit auf. In den Kleingruppendiskussionen war immer wieder die Rede davon, dass man Menschen am besten in öffentliche Debatten hineinziehen könne, wenn man ihnen komplizierte Sachverhalte mit Praxisbeispielen, Narrativen und lebensnahen Themen aus ihrem Umfeld näherbringt. Aber bei den Präsentationen zum Auftakt der Konferenz versteckten sich die Rednerinnen neben ihren Powerpoint-Texten und -Grafiken, würdigten die Zuhörer nur selten eines Blickes, und ließen die Körpersprache und Authentizität vermissen, mit denen man Menschen ansprechen und mitnehmen kann.

Katrina Sichel: Moderatorin, die ihre Zuhörer mitnimmt ©Neubert

Wie es geht, zeigte nur die Moderatorin Katrina Sichel, die es fertigbrachte, die Zuhörer zu einer Reise einzuladen – nicht nur zu neuen Informationen, sondern zu neuen Erkenntnissen. Sie sprach die Teilnehmer direkt an, und brachte mit lebendigem Gesichtsausdruck und auffordernden Bewegungen deutlich rüber, wie wichtig es sei, die fast vergessenen zivilgesellschaftlichen Organisationen und die vielen unorganisierten, aber interessierten Menschen abzuholen und einzubeziehen. Sie blieb übrigens die Einzige, die auf nicht organisierte Interessengruppen und private Initiativen besonders hinwies.

Nichts Neues

Es ging während dieser Konferenz vor allem darum, wie man die Barrieren niederreißen kann, die Menschen daran hindert, sich an der Gestaltung von Forschung zu beteiligen. Welche Barrieren es gibt und was man berücksichtigen muss, um sie zu umgehen, wenn man auf Veranstaltungen über Forschung und deren Ziele reden will, hatten die Wissenschaftlerinnen vor allem bei Befragungen von Fokusgruppen herausgefunden.

Das ist allerdings ein Ansatz, der dem journalistisch und kommunikativ geschulten Autor wenig plausibel erscheint. Denn Fokusgruppen mit Befragungen finden immer in konstruierten Umgebungen statt. Interessanter wäre gewesen zu erfahren, wie sich Teilnehmer bei realen Debattenveranstaltungen zu konkreten Forschungsthemen geäußert hätten. Vielleicht in so einer Art teilnehmender Beobachtung.

So war es auch wenig verwunderlich, dass es für jemanden, der sich seit den 1990er Jahren im Zwischenbereich von Wissenschaft/Forschung und Gesellschaft bewegt, im Grunde nichts Neues zu lernen gab. Die Gründe dafür, warum es Menschen gibt, die nicht zu Forschungsdebatten gehen, warum sie online keine Kommentare schreiben, oder warum sie sich auf den sozialen Medien nur halbgare Links schicken, all das haben Wissenschaftskommunikatoren und -journalisten seit mehr als 20 Jahren diskutiert. Im Ansatz sogar schon länger, nämlich seit Gründung der TELI vor fast 80 Jahren, und ab den 1980er Jahren in der Bewegung, die sich für das öffentliche Verständnis von Wissenschaft und Technik – wahlweise Humanwissenschaften – einsetzte (Public Understanding of Science, Technology, Humanities). Selbst in der EU-Kommission gab es spätestens seit dem 5. Forschungsrahmenprogramm von 1998 bis 2002 Diskussionen darüber, wie die Gesellschaft eingebunden werden könnte und was das gesellschaftliche Engagement erschwert. Die Barrieren sind also eigentlich bekannt.

Theorie und Praxis uneins

Insofern schien es interessanter zu werden, als die Teilnehmer der Konferenz in Kleingruppen Ideen austauschten, wie man die Barrieren abbauen oder verhindern, wie man die Motivation von Bürgern stärken könnte. Leider war das Publikum weniger divers als erwartet. Der großen Mehrheit der Sozialwissenschaftler, Forschungsmanager und Kommissionsvertreter standen nur wenige Praktiker von Organisationen des so genannten dritten Sektors (bürgerschaftliche Vereinigungen) und Kommunikatoren bzw. Journalisten gegenüber.

Die Veranstalter mussten auch selbstkritisch zu Kenntnis nehmen, dass wohl mehr als ein Drittel der ursprünglich angemeldeten Interessanten gar nicht erschienen waren. Das ist schon seltsam. Offenbar liegen Theorie und Praxis im PROSO-Projekt weit auseinander. Die Barrieren für die Teilnahme waren wohl definitiv zu hoch. Wenn das schon für einen solchen Kongress gilt, gibt es eigentlich wenig Hoffnung, dass die Kompetenz ausreicht, Vorschläge zum Abbau von Barrieren zu formulieren.

Wenig innovativ, dennoch einiges durchdacht

Die Ideen, die zumindest in den beiden Kleingruppen ausgetauscht wurden, an denen der Autor teilnahm, waren denn auch wenig innovativ. Die meisten Vorschläge wurden schon irgendwann irgendwo realisiert. Aber offenbar hat sich niemand bei diesen Veranstaltern erkundigt, wie erfolgreich sie waren. Schade. So blieb es zumeist bei Vorschlägen, ohne dass jemand kompetent über Erfolge oder Misserfolge, über „best practice“ berichten konnte.

Am interessantesten waren noch die vorgetragenen Visionen für eine völlige Umgestaltung des traditionellen Forschungssystems. Die schlossen Änderungen beim wissenschaftlichen Belohnungssystems ein, nach dem nur Publikationen zählen, nicht aber gesellschaftliches Engagement. Auch Kritik an der vorwiegenden Fokussierung von Forschung auf wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand klang an.

Am zielführendsten waren allerdings dann doch die jeweils drei Vorschläge zur Überwindung einzelner Barrieren, die die Moderatorinnen in die verschiedenen Kleingruppen einbrachten. Sie waren im Grunde Ausdruck erster Ergebnisse des Projekts und durchaus durchdacht, manchmal im positiven Sinne radikal, wie etwa der Vorschlag, bessere messbare Kriterien für die Beurteilung von Forschungsprojekten einzuführen, mit denen sich die Auswirkungen von Innovationen für die Gesellschaft erfassen lassen, oder der Rat, bei Debatten nicht immer nur auf einen Konsens aus zu sein.

Déjà-vu

Auch wenn die Vorträge und Kleingruppendiskussionen eine Art Déjà-vu für den Autor waren: Es ist gut, dass die Debatte um die gesellschaftliche Beteiligung und die Öffnung der Forschung seit Beginn des Rahmenprogramms „Horizon2020“ deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es ist nur schade, dass all die Überlegungen und Erfahrungen der Jahrzehnte zuvor nicht berücksichtigt werden. Denn Dokumente dazu sind nicht unbedingt bei Internetrecherchen zu finden. Diese Erfahrungen zu suchen und zu nutzen würde viel Doppelarbeit vermeiden helfen und verhindern, das Rad neu zu erfinden, wie es bei dieser Konferenz manchmal den Anschein hatte.

Source URL: https://www.wissenschaftsdebatte.de/?p=6123