Als ehemaliger Schüler eines Humboldt-Gymnasiums und Mitglied eines ihm zugehörigen Ruderclubs hat mich Wolfgang Sanders Nachdenken über eine zeitgemäße Bildung für die heutige Weltgesellschaft besonders angesprochen. Wilhelm von Humboldt ist für den verdienten Professor i. R. der Erziehungswissenschaften ein pädagogischer Leitgedanke für modernes Unterrichten. Im humboldtschen humanistischen Geiste soll Bildung zur Persönlichkeitsbildung und Reife, Kritikfähigkeit und Mündigkeit sowie zur Freiheit im demokratischen und philosophischen Sinne beitragen. Das vertritt Sander in Bildung. Ein kulturelles Erbe der Weltgesellschaft.
Humboldt steht für ganzheitlich-humanistische Bildung
Als Absolvent einer solchen, wie man heute noch sagt, „Bildungsanstalt“ (was in der kruden Begrifflichkeit Humboldts Ansinnen noch nie gerecht geworden ist), entschlüsselt sich mir heute erst, viele Jahrzehnte nach dem Abitur, der dort praktizierte Bildungskanon. Neun Jahre lernten wir dort alles Wesentliche über unsere Kultur und deren Entstehung, durchmischt mit Werken, Zeichnen und Kunsthistorie, fast sämtlichen Sportarten und Musik, Philosophie und experimentellen Naturwissenschaften; ja, sogar die Abstürze unserer Zivilisation kannten kein Tabu. Die Jahre 1933 bis 1945 kamen ausführlich zur Sprache.
Gleichwohl flog ein charismatischer Sportlehrer erst in den 2010er Jahren als Nazi auf, und zwar als einer, der im Lebensborn an der Kultivierung einer neuen arischen Herrenrasse mitwirken wollte. Ein nach ihm benanntes Ruderboot der Schule wurde daraufhin in „Alexander von Humboldt“, dem anderen, weithin bekannteren und welterforschenden Humboldt-Bruder umgetauft. Ein eher symbolischer Akt, der aber tief ins Schulgetriebe griff und große Aufmerksamkeit für verdrängte Geschichte im Bildungsbetrieb weckte.
Ein Humboldtianer, an Humboldt gescheitert
Nun ja, mit diesem Blick auf Schulwirklichkeiten erscheint Sanders Blick in diesem Buch ein wenig idealistisch. Denn richtig Lust und Spaß hat humboldtsches Lernen, glaube ich, kaum einem Schüler wirklich bereitet. Leider. Auch wenn ich bei den traditionellen, generationsübergreifenden Rudertouren die Schüler jener Zeit höre: Zwang und autoritärer Geist beherrschten das altehrwürdige Schulgebäude aus dem 19. Jahrhundert, von dem meine Mutter fast gebetsartig sagte, dass darin sogar die Luft schwer sei.
Der „Herr Direktor“, vor dem alle, inklusive der Lehrerschaft, fast wortwörtlich dienerten, hatte ein weiches Herz und eine Seele für Humboldts Humanismus, wie in seinem Unterricht spürbar wurde, für den er nahezu rührselig zu begeistern wusste. Im Jubiläumsheft zum hundertjährigen Bestehen der Schule setzte er sich in einer Art barockem Deutsch sehr kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander. Gleichwohl scheute er sich nicht, in der Schulaula einen Mitschüler für ein Vergehen öffentlich brutal, ja beinahe zusammenzuschlagen. Auch wegen der dadurch ausgelösten Beklemmungen verhalf er der 68er-Bewegung an seiner Schule zu Auftrieb – und büßte darüber sein Leben ein. Er erkrankte und nahm sich in einem Sanatorium das Leben. Ein tragisches Ende; an Humboldt kann man auch scheitern.
Pädagogen verhelfen zum Gebären von Autonomie und Kritik
Pardon, vielleicht ein wenig zu privat. Wer jetzt ruft: „Out of order!“, sei auf die Einführung des Autors verwiesen, die er mit einem Verweis auf Martin Walser beschließt: „Ein Buch ist für mich eine Art Schaufel, mit der ich mich umgrabe.“
Damit zum Kern: Nicht alle Christen führen ein Jesus-artiges Leben, und nicht alle 60 nach Humboldt benannten Schulen in Deutschland leben seinen Geist. Dieser offenbart sich in seiner ganzen Schönheit in einer Textstelle des Buches, die wegen des ungewöhnlichen Fremdwortes „Mäeutik“ (S. 109) beim Lesen möglicherweise leicht übersprungen wird. Sie führt gewissermaßen zum Altar des großen Bildungsreformers ebenso wie zum eigentlichen Anliegen seines Verehrers. Dieser auf Sokrates zurückzuführende Begriff lässt sich mit „Hebammenkunst“ übersetzen und bedeutet im O-Ton Sander:
Dass „die Lernenden zum selbständigen Fragen und Denken gebracht werden, damit sie ein reflektiertes Weltverständnis selbst hervorbringen (‚gebären‘)“, denn „Bildung geht über bloße Erziehung dadurch hinaus, dass sie nicht auf eine reproduzierende Aneignung überlieferten Wissens … beschränkt, sondern den Einzelnen in ein reflexives, von selbständigem Denken und kritischem Prüfen geprägtes Verhältnis zur Wirklichkeit versetzt“ und somit zur Freiheit verhilft.
Könnte Humboldt die Rückkehr zur Autokratie bremsen?
Das ist, so hätte Humboldts Zeitgenosse Goethe formuliert, exakt des Pudels Kern. Und sozusagen ein zeitloses Desiderat.
Auch wenn Sanders Bildungsappell aus einer vergangenen Zeit zu kommen scheint – das Buch wurde bereits vor acht Jahren veröffentlicht, als die Welt noch stärker globalisierte und zusammenwuchs statt heute zentrifugal auseinander zu fliegen –, ist seine Botschaft heute im Zeitalter der Autokraten und Oligarchen umso wichtiger und weiterhin lesenswert. Zumal Bildung besonders auch der Reflexion düsterer Seiten der Geschichte und wissenschaftlicher Erkenntnisse bedarf. Damit eng verbunden ist die Frage, warum in einer Zeit weltweit gestiegener Schulbildung solche krassen Rückschritte möglich sind und wo genau gravierende Defizite unserer Bildung begraben liegen.
Und dies bitte in Gottes Gehörgang!
Verdienstvoll ist, dass der Theologe Sander auch den Einfluss der Religionen auf Bildung untersucht. Lange bevor mittelalterliche Klöster in Europa Bildung kultivierten, wurde sie bereits planmäßig in jüdischen, muslimischen, buddhistischen und konfuzianischen Glaubenskreisen gefördert, was in historischer Zeit zu einer erheblichen Überlegenheit dieser Kulturen gegenüber der europäischen führte. Gleichzeitig rückt diese Verquickung auch die religiöse Funktionalität von Bildung ins Licht, die jener Hebammenkunst widerspricht, die der Autor wiederholt umschreibt.
Sanders Schlussappell, Bildung als „Gegengift gegen Engstirnigkeit und Ressentiments, erst recht gegen Extremismus und Fanatismus“ zu begreifen, möge sich in Gottes Gehörgang und den Gehörgang aller Gottheiten unserer Welt-Community einnisten und in der Ethik über die bekannten rhetorischen Einheiten hinaus verankern.


