Svealena Kutschke überrascht mit großer Sprachmacht, einem Gesicht, zum Beispiel, „so weich wie eine geöffnete Faust“, intimsten Beobachtungen und Reflexionen im Mental Health Milieu und einer für manche bestimmt verstörenden Unterströmung in der Interpretation: Ob wir alle nicht irgendwie einen an der Klatsche haben könnten. Auf ein eher philosophisches Niveau heruntergefahren, die Komplexität von Wirklichkeit, wie verrückt und wie normal sie eigentlich ist.
In einem mitunter wenig übersichtlichen Tableau von Akteuren und deren Lebensgeschichten reproduziert Kutschke die 100-jährige Historie einer Psychiatrieeinrichtung von den 1920er Jahren in die Gegenwart. In beeindruckenden Bildern serviert sie den Aufbruch in eine humanere Zukunft der „Irren“, wie sie im Jahrhundert zuvor genannt und entsprechend wie Tiere untergebracht worden waren. In der Lübecker Jannsen Heilanstalt leben sie in Pavillons, arbeiten fast idyllisch in einer parkähnlichen Anlage, durchzogen von weißen Kieselsteinwegen.
Doch Humanität hat auch hier keine Zukunft. Die Nazis ziehen ihr Euthanasieprogramm durch, schicken einen Teil der Patienten ins Gas, Ärzte und Pflegepersonal machen mit. Nach dem Krieg, „na ja, es waren ja die Gesetze“, Angst vor Strafverfolgung und Schuldverdrängung; in den 1980ern notdürftiges Aufarbeiten der Vergangenheit, danach weiterhin große Hilflosigkeit der modernen Psychiatrie, die sich an den modernen mentalgesundheitlichen Anfechtungen von Ängsten und Depressionen, Bulimie und Anorexie abarbeitet, meist eher erfolglos, am Ende hilft oft nur Farmazeutik.
Insgesamt ein zutiefst trauriges, ja hoffnungsloses Ambiente, welches die Autorin in ihrem Werk einfängt, so herunterziehend, dass man es am Anfang gerne wieder zur Seite läge, auch wegen der vielen Zeitsprünge – am Ende aber sind die 237 Seiten in anderthalb Tagen durchlesen. Ein Namens-Glossar hülfe – außerdem wünschte man sich zur sehr knappen Vita der Autorin ein Sätzchen über ihren Zugang zu diesem speziellen und mit viel Fachwissen angereichertem Thema.
Roter Faden unten vielen Nebenfäden sind Laura und Thorsten, sie ehemalige Patientin, er Psychiater und Anstaltsarzt, fast krankhaft blinzelnder Sohn des NS-Täters. Sie hat die Jannsen-Geschichte in Zeichenbilder umgesetzt und im gemeinsamen Gespräch darüber ringen beide um Entlastung, bestenfalls auch ein Stück Genesung. Die dunklen Wolken der Vergangenheit hängen über der Psychiatrie und all ihren Verflechtungen bis heute; und auch ohne ihren anhaltenden Missbrauch durch Ideologien bleibt sie bis heute ziemlich labyrinthisch. Einen Knochenbruch zu heilen ist leichter.
Wer sich von Kunst, Kultur, Literatur nur Seelen-Erquickendes erwünscht, hat sie missverstanden. Kutschkes Psychiatrie-Roman ist eine große Reise um und in die Abgründe derselben. Hätte ein Anstupser zu ein wenig mehr Hoffnung in einer eher tristen Welt dem Werk noch einen kleinen Strohhalm mitgeben können?
Svealena Kutschke: Gespensterfische. Schöffling & Co., Ffm 2025, 24 €


