Matchmakers für Demokratie

Endlich mal ein Sachbuch, das wie frisch gezapftes Pils runtergeht. Belebend, die 135 Seiten sind an einem Abend durchgelesen, der Inhalt ist bildhaft, übersichtlich, der Zustimmungsgrad hoch: Ja, wir brauchen mehr Begegnungsorte, wo wir einander beschnuppern, austauschen, erkennen: der und die andere, das ist auch nur ein Mensch. Solch eine Annäherung wäre ein Schritt hin zu wieder mehr Gemeinsamkeit, den oft strapazierten Gemeinsinn, auf jeden Fall Brückenbau – die Grundlage funktionierender Demokratie.

Begegnungs-Hosts

Demokratie fehlt Begegnung des Soziologen Rainald Manthe ist prallvoll mit Beispielen über solche Orte. Begegnungsabteile auf Schienen und Begegnungsbänke in Parks, Gesprächskassen in Supermärken und Gesprächstische in Cafés, Ausbau alter Dorfläden zu Allround-Begegnungsstätten. Und im Juni am Tag der offenen Gesellschaft Stühle vor die Türe stellen und mit den Nachbarn plauschen. Aber funktioniert das so ohne Weiteres?

Grundsätzlich schon. Sofern es jemanden gäbe, der als Vermittler agierte. Die Erfahrungen von Familienfesten über Betriebskantinen bis Vereine zeigen: Es sitzen immer diejenigen zusammen, die sich sowieso schon kennen, die „gewöhnlichen Verdächtigen“. Es braucht Mut, die Gruppe zu wechseln, und meist braucht‘s dazu eines Helferchens.

Das war dereinst die klassische Rolle der Gastgeber, modern des Hosts: Menschen einander vorzustellen, das Eis brechen zu helfen, das seit Urzeiten zwischen uns und Fremden steht – denn könnten sie nicht auch Feinde sein? Unbekannten gegenüber tun wir uns von Haus aus schwer, kognitiv wie auch emotional. Es war im Trubel eines großen Medienevents in Berlin, als ein renommierter Professor dem Rezensenten gegenüber bekannte: Unter 200 Menschen kann man der einsamste Mensch der Welt sein.

Begegnungs-Pädagogik

Daher, Begegnungsmodelle sind super, aber funktionieren tun sie kaum ohne Katalysatoren. Das hatten vor Jahren bereits die Engländer auf dem Schirm, die die Wissenschaft aus ihren Elfenbeintürmen in die Niederungen der Öffentlichkeit lockten und Kneipen zu deren Arena erkoren. Kommunikatoren veranstalteten dort erhellende Mitmach-Workshops zu Phänomenen in der Wissenschaft und tauften das „Science in the Pub“, was von dort aus die englischsprachige Welt rund um den Globus erwanderte. Dieses Erfolgsmodell ließe sich auf viele andere Begegnungsthemen und Räume übertragen.

Davon hat Deutschland viele, etwa die Volkshochschulen. Das gebräuchliche Wort für die dort Lehrenden, Dozentinnen und Dozenten, verrät die Top-down-Herkunft, abgeleitet von dem dereinst vom Katheder herab sprechenden Experten. Volkshochschulen sind bemüht, aus Frontalunterricht spritzige Gesamtlernerlebnisse zu komponieren. Viele Dozierende müssen sich dazu vom über Schul- und Studienjahre weitgehend verinnerlichtem Top-down verabschieden. Das fällt nicht ganz leicht, wäre aber unabdingbar, um diese Bildungsstätten so wie alle anderen zu Begegnungsstätten im Sinne des hier besprochenen Autors umzugestalten.

Begegnungs-Theater

Es geht auch niederschwelliger. So ist das Eiscafé Italia das Wohnzimmer vieler Münchner rund um den Roecklplatz, wie es die Süddeutsche Zeitung in Wort und Bild einfing. Seit Jahrzehnten bemüht sich eine tüchtige Einwandererfamilie aus Neapel rührend ums Wohl ihrer Gäste. Elio und Tommaso finden für jeden Gast ein persönliches, oft witziges Wort. Eine solche Atmosphäre belebt, verbindet, ist gesellschaftlicher Kitt – eine Begegnungsstätte par excellence, die aber nur das soziale Investment der Betreiber am Laufen hält.

Manthe verweist auf skandinavische Bibliotheken als Vorbilder für umfassende Begegnungszentren. Deutsche Einrichtungen hingegen sind oft ziemlich öde, es herrscht meist Schweigen, Interaktion wird kaum mitgedacht. Hier braucht es Initiativen von Stadtverwaltungen, aber auch Impulse von außen etwa durch freie Moderatoren, die hierfür Angebote entwickeln, wie über bedrucktes Papier hinaus Begegnung entsteht.

Speziell Kinosäle hungern geradezu danach. Nach der Premiere von „In die Sonne schauen“ sammelten sich vor einem Münchner Lichtspieltheater Trauben von Besucher in lebhafter Diskussion des gerade Gesehenen. Als der Rezensent am nächsten Tag bei der Geschäftsführung nachfragte, ob sich hierfür nicht ein moderierter Abschluss anböte, hieß es, dass es dafür keine Ressourcen gebe. Gleichwohl das keine Hexerei wäre. Kein Wunder, dass einst passionierte Kinobesucher daheimbleiben, die Jüngeren sowieso bei Streamingdiensten hängenbleiben und bei Netflix & Co sich bedienen. Leider verschafft das der vielfach beklagten Individualisierung und Vereinsamung weiteren Schub.

Begegnungs-Action

Die zweite große Frage, zu deren Nachdenken die Buchlektüre einlädt: Lässt sich allein durch Begegnung die Polarisierung der Gesellschaft, ihr Auseinanderdriften nach rechts und links Außen überwinden? Zu Polen, die sich darin identisch sind, dass sie beide autoritäre Herrschaftsformen anstreben; und sich grafisch daher statt linear eher als Hufeisen darstellen lassen, weil sie ideologisch einander gegenüberliegen. Demokratisches Aushandeln unterschiedlicher gesellschaftlicher Perspektiven für politisches Handeln ist für sie keine Option.

Kämen Links-Rechts durch moderierte Begegnung demokratischen Werten einander näher? Eine Herausforderung, wenn es bereits in der politischen Mitte zu violenten Ausbrüchen kommt, wovon wiederum eine Beobachtung des Rezensenten zeugt. Bei einer Kommunionsfeier gerieten ein SPDler und ein CSUler in einer schwarz-roten Kontroverse einander so nahe, dass Ersterer den Letzteren unterm Tisch heftig mit seinen Füßen traktierte. Ein „Au!“-Schrei bekundete Störungen in der Familienharmonie.

Es war mal die Idee des in Chicago geborenen Community Organizing, dass sich Menschen aus diversen sozialen Schichten, ethnischen Zugehörigkeiten, parteipolitischen Grundierungen und religiösen Glaubensrichtungen zu Aktionsgemeinschaften zusammenschließen, wenn sie ihre gemeinsamen Interessen klären und sich pragmatisch an deren Realisierung machen. Das war als Prophylaxe gegen Extremismus anerkannt.

Begegnungs-Spirit

Ein solcher Community Spirit entsteht nicht von alleine, sondern auch dazu ist ein Moderator, Organizer, ein Matchmaker erforderlich, der die Menschen zusammenführt. Wie auch immer wir diese Ermöglicher nennen und wo überall ihr Einsatz denkbar wäre: Diese fruchtbare Demokratiezone sollte die transcript-Reihe noch einmal ausleuchten. Demokratie fehlt Begegnung ist eine prima Startrampe dafür.

Rainald Manthe: Demokratie fehlt Begegnung. Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts. Transcript  X-Texte zu Kultur und Gesellschaft Bielefeld 2024

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