Das Kussiversum

Es gibt das Universum, das Multiversum – und das Kussiversum. Praktisch unendliche viele Formen zum Ausdrücken von Wertschätzung, Hingabe, Liebe und Intimität – bis zum Verrat unter Benutzung der Lippen. Der Kommunikationsexperte Hektor Haarkötter hat aus dem Kosmos des Küssens und Kussfertigkeiten eine Art Enzyklopädie herausgefiltert, die einen gerade wegen der enormen Vielfalt ein wenig ratlos hinterlässt. Obwohl das Küssen eine Eigenart des heimisch-indogermanischen Kulturkreises ist, warum geizen so viele mit dieser Form der direkten Kommunikation so?

Von der Gemeinschaftsbekundung zur Perversion

Es könnte einem gleich von Anfang an die Lust vergehen, wenn man sich die Anschauung des großen Sigmund Freud auf Zunge und Lippen vergehen lässt. Sexuell leidenschaftliches Küssen ist für ihn eine Perversion, nur die Penetration lässt er gelten und vergisst nicht anzudeuten, dass Mund und Lippen ja ein Teil, ein Ende des Verdauungssystems sind.

Igittigitt! Mund und After gedanklich miteinander in Kontakt zu bringen, so unromantisch! Und setzt mit einem Seitenhieb noch einen obendrauf, der berühmte Tiefenanalyst, dass Küssen ja etwas rein Infantiles sei, das Lutschen und Saugen an der Mutterbrust mit dem Küssen nicht unverwandt ist. Anders Eibl-Eibesfeldt, der ans Küssen erinnerndes Reiben von Schnauzen und Schnäbeln im Tierreich als eine evolutionsgeschichtlich programmierte Sympathie- und Gemeinschaftsbekundung einstuft.

Das beherzten schon die alten Perser wie auch Griechen. Dort war der Begrüßungskuss obligat. Bei Gleichrangigen auf dem Mund, sonst auf die Wange. Sklaven küssen ihrem Herrn die Hand – österreichische Männer Frauen immer noch, was von vielen als unübertrefflich charmant eingestuft wird. Ausdruck der Demut und Unterwerfung dagegen ist, wer dem Papst die Füße küsst. Anders der Kuss, den Verstorbene empfangen, der den Übergang der Seele ins Jenseits erleichtern soll. Eine Bussi-Bussi Gemeinschaft war die christliche Urgemeinde, deshalb enorm anziehend für so viele, weshalb sie auch in sich so verschworen war und deswegen gegen alle Anfeindungen so rasch wuchs, bis sie zur Staatsreligion avancierte.

Zusammenklappen von Fleischlappen

Kulturgeschichtlich ist das Küssen ein ständiges Hin und Her zwischen Zustimmung und Abneigung. In die Zeit der Aufklärung schien es für Voltaire nicht mehr zu passen. Als Topdown-Phänomen, Ritual der Eliten und der verachteten Kirche, wollte es in eine egalitäre Gesellschaft nicht mehr passen. Die als puritanisch geltenden USA kennen viele kuriose Kussverbote, während Philosophen sich fürs Küssen durchaus erwärmen können, denn näher können sich zwei Köpfe nicht kommen, gleichwohl die Frage bleibt, wieviel Gedankenaustausch dabei erfolgt.

Die Philematologie, die Wissenschaft vom Küssen, unterscheidet nicht nur die verschiedenen Kussarten, erhebt Statistiken, kennt sogar eine Kussakustik, erhebt Speichelfluss und definiert Küssen, unromantischer war nur noch der Freud, als „Zusammenklappen von Fleischlappen“. Ja, und der Sex? Der Autor ist da ziemlich rigoros, um nicht zu sagen freudianisch. Beide haben nichts miteinander zu tun. Es gibt keinen Höhepunkt beim Küssen. Küssen hat kein Ziel, aber einen Weltrekord: Der liegt bei fast 59 Stunden. Also, wenn das die Filmschaffenden von dieser Trennung von Kuss und Sex wüssten. Denn am Set führt Küssen oft zu mehr, viel mehr. Oder wäre das eine Erfindung der Traumfabrik, die wir übernommen haben? Noch ganz anders der Kuss in Märchen. Dahinter wähnt der Autor oft harten Sex, wenn auch märchensprachlich bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert.

Und heute? Genderdisparitäten und Missbrauchsängste erschweren das Küssen im Geschlechterdiskurs, schreibt der Autor. Und fürchtet sogar, dass dies wiederum eine neue Ungleichheit befördern könnte.

Abendländer haben den Kuss um die Welt getragen

„Aus dem Kuss ist ein Fingerhut geworden“, resümiert Haarkötter. Darauf ist die „einst weltverändernde berührende Kommunikationsart“ geschrumpft. Unsere Kultur habe neben der Atombombe und Zyklon B auch den Kuss hervorgebracht, diesen um die ganze Welt getragen, auch in Kulturen, wo dieser nicht üblich war, „als Entschuldigung des Westens für die Verletzungen, die er der Welt zugefügt hat“.

Hm, ein ungewöhnlicher Abgesang. Wer in Lateinamerika, unserem westlichen Zwilling mit starken indigenen und afrikanischen Einflüssen den liebevollen und mit vielen Küssen angereicherten Umgang der Menschen beobachtet, besonders mit ihren Kindern, aber auch mit der Seniorengeneration, der mag Zweifel anmelden.

Hektor Haarkötter: Küssen. Eine berührende Kommunikationsart. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2024. 24 €

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