Was sich hinter dem eher unscheinbaren Titel Persönliche Dinge verbirgt, ist einerseits erschütternd, wie alles über die KZ-Todesfabriken, andererseits ein innovativer und bisher wenig beachteter Ansatz in der Holocaustforschung. Kleider machen Leute, selbst in den Konzentrationslagern; und was sie über die dortigen Umstände und Verhältnisse verraten und bisher wenig Bekanntes an Tageslicht fördern.
Die Stiefel-Etikette
Die Autorin, Karolina Suley, promovierte Kulturwissenschaftlerin der Universität Warschau, leuchtet das Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln aus. Die gestreifte Lagertracht, die geschorenen Köpfe, endlose Appelle, das alles zielte darauf ab, die Häftlinge ihrer Individualität zu berauben, sie auf Objekte zu reduzieren, zu entmenschlichen, sie der SS, dem NS-Regime, seiner Rassenideologie zu unterwerfen.
Dies bildlich, haptisch, fühlbar, mit allen Kanälen wahrnehmbar, im Kontrast zu den Uniformen der SS, die ihre Träger zu Übermenschen erhob. Sie war in der Außenwirkung enorm angsteinflößend, während sie die Uniformierten selbst in einem Chorgeist verschmelzen ließ und zu einer verschworenen und sich für unschlagbar haltenden Truppe zusammenschweißte. Das fand auch Ausdruck in den Stiefeln, die immer so blank geputzt sein mussten, dass man sich darin spiegeln konnte. Quasi Gesetz. So wie die gestreifte Häftlingskleidung entstammten die Uniformen samt dem abschreckenden Totenkopf einem ausgeklügelten Design, psychologisch durchgefeilt, das nichts dem gestalterischen Zufall überließ.
Für die KZ-Insassen gab es allerdings auch eine zweite Quelle der Kleidung. Das war „Kanada“, wie die Kleiderkammern hießen, die die Kleidungsstücke der laufend neu eintreffenden Todeskandidaten horteten. Das waren zum Teil sehr edle Stücke, verwaltet zum großen Teil von sogenannten Funktionshäftlingen, den Hilfswilligen der SS und Kapos. Diese Kleiderkammern luden ein zu lebhaften Handel, eingebettet in Korruption und Kriminalität in den Lagern.
Muselmänner neben Prostituierten
Sie konnten über Leben und Tod entscheiden. Zum einen, wenn ein Häftling für seine Essensration gegen die Kälte einen warmen Mantel eintauschen konnte. Zum anderen genossen besser gekleidete Häftlinge größeren Respekt, sowohl bei ihren Schicksalsgenossen als auch beim Wachpersonal. Diejenigen, die abgerissen und verschmutzt herumliefen, auf sich nicht mehr achteten, hießen im Lagerjargon verächtlich „Muselmänner“, bekamen die schwersten und dreckigsten Arbeiten aufgeladen, mit meist einem schnellen Ende.
Eine besondere Rolle spielte das Schuhwerk. Die Lagerholzpantoffel waren für die Arbeit meist untauglich. Wer sich robustes Schuhwerk beschaffen konnte, durfte mit einer größeren Überlebensfrist rechnen. Mit dem Fortgang des Krieges, anwachsenden Versorgungsengpässen, Überfüllung der Lager ging auch die gestreifte Häftlingskleidung aus und wich einer von „Kanada“ und obskuren Quellen gespeisten Kleidungsvielfalt.
Es erstaunt zu lesen, dass es in diesen Lagern sehr elegant gekleidete Menschen gab, Schwule ihr Anderssein durchaus auch äußerlich zeigten, den KZ-Bordellen als Prostituierte dienende Frauen ihre Dienste in koketter Kleidung versahen. Ja, Geschlechtsverkehr war wohl gar nicht so selten in den KZs, was bestimmt noch mal einer besonderen Aufarbeitung bedürfte. Die von der SS weitgehend unkontrollierten Lagerlatrinen, die sich zumeist in einem völlig abscheulichen Zustand befanden, waren freie Zonen. Hier kam es in blitzschnellem Vollzug zu Liebesakten unter den Häftlingen.
Textil-Restaurateure, ein neuer Beruf
In der Schockstarre der KZ-Haft setzte bei vielen Frauen die Menstruation aus. Das war für viele eine Wohltat, nachdem es kaum Binden wie auch Waschmöglichkeiten gab. Andererseits konnte eine Monatsblutung lebensrettend sein. Menstruierende Frauen entgingen medizinischen Versuchen, weil SS-Ärzte sich vor ihnen ekelten.
Die deutschen Aufseherinnen waren recht einfach gekleidet. Dafür waren sie mit Schäferhunden und Peitschen ausgestattet. Aus einfachen Verhältnissen stammend, erwuchs ihnen in der Lagerwelt ungewohnt große Autorität, kraft derer sie sich zu grausamsten Handlungen hinreißen ließen. Aber auch unter ihnen menschelte es. Eine Aufseherin, eine Lesbierin, hatte sich in eine Insassin verliebt und lebte mit ihr eine Zeitlang in der Baracke.
Lange Zeit ging man in Polen eher achtlos um mit den Überresten aus den KZs. Kleidung wurde unsachgemäß aufbewahrt und verschimmelte. Erst in neuerer Zeit werden speziell Textil-Restaurateure ausgebildet, die dafür sorgen, dass die Relikte der Shoa, die Kleidung der KZ-Gefangenen sich möglichst lange konservieren lässt als Erinnerung an diesen nach wie vor undenkbaren, aber geschehenen Zivilisationsbruch der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus und all seiner Handlanger.


