Der zerbrochene Gartenzwerg auf dem Buchcover – wer richtet ihn, und womit? Totally Kaputt?, verfasst von einem Autoren-Duo aus England und den USA, thematisiert die Missstände in Deutschland. Wer in diesem Lande geboren ist und meist immer hier gelebt hat, dem fallen die unzähligen Baustellen kaum auf, obwohl der ungeheure Reformbedarf peu á peu auf die politische Agenda gelangt (Spiegel: Wie steht’s um Deutschland, ZEIT: Wo Deutschland noch funktioniert).
Im Schwitzkasten
Dennoch, über die verspätete Bahn regt sich kaum jemand mehr auf, dies in einer Kultur, für die Pünktlichkeit ein hoher Wert ist. Dagegen hilft Perspektivwechsel. Wie wohltuend, den Blick auf sein eigenes Land aus der Beobachterbrille geschildert zu bekommen.
Bahn, Renten, Wohnungsnot, Bundeswehr, Wirtschaftsflaute, die überbordende Bürokratie, Energieunsicherheit, digitale Unterentwicklung, lahmende Bildungspolitik, Mangel an Kindergartenplätzen, mit den vielen Ausfällen im regulären Betrieb, was Eltern mit Angehörigen und Großeltern zu ständigen Noteinsätzen zwingt; dazu die mangelhafte Integration der Migranten, Polarisierung und Radikalisierung mit Versäumnissen bei der Wiedervereinigung, die erodierende Mittelklasse mit zunehmender Armut, und, und, und … dass darüber auch Wissenschaft, Technologie und die Innovationsfähigkeit stolpern, ist eine weitere bedauerliche Folge.
Deutschland ist kein Champion mehr, kein Vorzeigemodell, sondern windet sich im Schwitzkasten zweier aggressiver Großmächte, USA und Russland, und muss dem dritten, der Wirtschaftsgroßmacht China immer mehr handelspolitische Zugeständnisse machen. Das innerhalb eines mit vielen unterschiedlichen Interessen und Stimmen auftretenden Europas.
Wie eine Seifenblase zerstoben
Diese Themen sind vielen geläufig, doch so massiv und geballt wie Chris Reiter und Will Wilkes haben Wenige sie präsentiert. Serviert auf einem historischen Tablett, auf dem sich ein Abriss über 80 Jahre Entwicklungsgeschichte Deutschlands nach Ende des Zweiten Weltkriegs in vielen hilfreichen Details und Erinnerungen ausbreitet.
Am Ende bleibt hängen: Infolge des Kalten Krieges und der Notwendigkeit, das Nachkriegsdeutschland in die westliche Staatengemeinschaft einzubeziehen, um dem Kommunismus die Stirn zu bieten, ist das Land für seine Vergehen im Zweiten Weltkrieg nie zur Rechenschaft gezogen worden, auch die Bestrafung der NS-Täter blieb marginal. Mit der Wiedervereinigung, der EU und dem Euro hat Deutschland dann noch einmal gewonnen. Ja, es schien das Ende der Geschichte erreicht, das goldene Zeitalter, forever.
Mann, was waren wir stolz, wie Bolle: Multi-Kulti-Land, Reisen ohne Grenzen, Pioniere im Umweltschutz und der neuen Energien – doch dann kam es anders: Flüchtlingskrise, die das Land entzweiende Pandemie, das Erstarken der Rechtsradikalen, Russlands Angriff auf die Ukraine, das Deutschland und Europa ins Visier nehmende Trump-Amerika. Alles wie eine Seifenblase zerstoben.
Digitale Bundesjungendwettspiele und Spargelfestival?
Wie kommen diese Bruchstücke, der geborstene deutsche Gartenzwerg, nun wieder zusammen? Ja, wie erfindet sich Deutschland wieder von Neuem? Hier, in der wichtigsten Frage, schwächeln die Autoren. Über ein paar Vorschläge kommen sie nicht hinaus. Digitale Bundesjugendspiele an den Schulen, ein mutiger Vorstoß, der nach beherzten Anwälten und Machern verlangt. Dagegen, den 17. Juni als Nationalfeiertag wieder neu zu beleben und den 3. Oktober abzuschaffen, um das Nationalgefühl zu stärken – wieso? Auch rund um die Spargelernte im Frühjahr ein großes Fest zu gestalten für mehr Zusammenhalt und Integration der aus Osteuropa kommenden Erntehelfer wäre ein „nice to have“, allenfalls, wird aber wohl als Kuriosum abgehakt.
Wie heißt es so schön, der Fisch fängt immer vom Kopf an zu stinken. Richtig, und damit sind wir alle gemeint, unser alle Köpfe, nicht nur die der Regierenden. Insgesamt machen es sich Deutschland und viele seiner Deutschen zu bequem auf dem Sonnendeck. Die Aufbaugeneration in den 1950ern und 1960ern sowie die Schöpfer eines starken Mittelstands in den 1970ern und 1980ern haben hart gearbeitet. 80 Stunden und mehr. Das gilt heute als uncool. 30 Stunden und Viertagewoche sind angesagt, mit vielen Ferien. Nur eine mentale Wende bringt hier Bewegung rein, die vom Mainstream der Bevölkerung mitgetragen werden muss. Man könnte ja ganz klein anfangen: Wer braucht einen zweiten Pfingstfeiertag?
Dies alles ließe sich aus Totally Kaputt? folgern. Aber ja, die Diskussion darüber ist eher vermint, berührt Tabus, auch die Machtansprüche wichtiger gesellschaftlicher Akteure.
Die drei MUSTs
Gleichwohl sich daraus drei relativ unkontroverse MUSTs ableiten lassen: Arbeiten MUSS Spaß bringen, MUSS Kreativität ermöglichen, Bildung und Arbeit MÜSSEN zu großen Leistungen motivieren. Womit die gesamte Palette gesellschaftlichen Schaffens angesprochen ist, vom Gewerbe über Dienstleitungen und Verwaltung bis Forschung. Diese drei MUSTS müssen mit den sozialen Leistungen und deren Finanzierbarkeit in Balance gebracht werden.
Die Wende und der Wandel kommen von Jeder und Jedem selbst, so wie immer in der Geschichte. Und da die Deutschen historisch, sozial, psychologisch eher top-down geprägte Menschen sind, müsste der Anstoß zu solchen Aufbrüchen vielleicht von oben kommen, einer großzügigen und allumfassenden Ausschreibung der Regierung zu einem bundesweiten Wettbewerb, um die vorgeschlagenen Bundesjugendwettspiele noch mal weiterzuspielen.
Die Diagnose war richtig und sollte in dieser Härte auch dem Volke und seinen Regierenden verabreicht werden, so weh sie auch tun möge. Nur bei der Therapie hätten die Autoren mehr Register ziehen müssen. Dann wäre ein Schuh daraus geworden.


