Die Überschrift dieses Rezension mag abwertend klingend, als ob sich Kultur wie Plastik einschmelzen und als Granulat für Sitzfüllungen wiederverwenden ließe: Nur „Recycling“ ist der wiederholt verwendete Begriff des Literaturwissenschaftlers Martin Puchner, der in 18 Kapiteln auf über 400 Seiten durch die Kulturgeschichte der Welt streift. In Beispielen von den antiken Griechen bis zum weltweit angesagten Korea K-Pop zeigt, auf dem sogar Drittklässler abfahren, zeigt er: Es gibt keine pure Kultur, sondern sie ist eine Schmelze, in der sich alte und bestehende Elemente laufend zu einer neuen modernen fügen und unser aktuelles Kulturempfinden in unaufhörlicher Transformation prägen.
Intellektuelle Kreislaufwirtschaft
Kritische Geister könnten einhaken, dass Puchners „neue Kulturgeschichte“ eigentlich eine Binse sei. Ist doch fester Bestandteil unseres Bildungskanons, so wie Puchner in seinen Fallbeispielen auch unterlegt, dass die kostbaren Schriftstücke der griechischen Kultur von den Arabern gerettet wurden; sie aus den wertvollen Bibliotheken Bagdads ins muslimisch besetzte Spanien wanderten, von dort zusammen mit den arabischen Zahlen und der fortgeschrittenen Medizin das europäische Geistesleben inspirierten; was die Renaissance anstieß, die Wiederentdeckung der Antike, aus der die Ära der Aufklärung hervorging. Ihr verdanken wir die Wissenschaft und die Demokratie.
Für diese intellektuelle Kreislaufwirtschaft findet der Autor viele Beispiele aus der Weltgeschichte, die er in lesenswerten Stories und exemplarisch an den Personen herausragender Kulturüberträger und Weiterträger schildert. Etwa wie der Buddhismus auf abenteuerlich-verschlungenen Wegen von Indien über China nach Japan gelangte.
Nofretete – Mutter des Monotheismus?
So weit, so gut, auch bekannt. Was Puchner indes in packender Weise gelingt, wie Kulturen oftmals durch Narrative erfunden wurden, etwa: Wie Nofretete und ihr Gemahl die ägyptische Vielgötterei ablehnen und einem einzigen Gott huldigen, was den alttestamentarischen Moses beseelt und den Monotheismus hervorgebracht haben könnte. Aus dem dann die großen Weltreligionen entstanden, das Judentum, das Christentum und der Islam.
Ob das Solo-Gottestum ob der weltbedrohlichen Zerstrittenheit der Großen Drei ein zivilisatorisch-kultureller Fortschritt war, sei dahingestellt. Die Wert- und Qualitätsfrage dieser kulturellen Recyclinggüter stellt der Autor nicht; auch die modernen Ableitungen von Recycling in Termini wie Upcycling und dem daraus logisch gefolgerten Downcycling vermeidet er.
Vom Trojaner zum Römer
Die abenteuerlichste Episode in diesem Buch bestreitet Äthiopien. Wer sich je gefragt hat, wie das Christentum in diese afrikanische Enklave hineinwanderte, erfährt, dass es die sogenannte „Bundeslade“, Moses in Stein geschlagenen Gebote, aus dem biblischen Land nach Süden verschlug und dort einen orthodoxen Kirchenableger ins Leben rief; dass die ihrer Kultur beraubten afrikanischen Sklaven Jamaikas nach ihrer Befreiung auf der Suche nach kultureller Identität in Äthiopien fündig wurden und sich nach dem Namen eines Herrschers Rastafari bekannten, dessen prominentester Vertreter der Musiker Bob Marley wurde. Was wäre unsere Musik ohne seinen Reggae – ein Weltkulturerbe! Und seine Dreadlocks? Die vielfach verfemte „kulturelle Aneignung“ ist ein Kulturgesetz, die auch vor Haarmoden nie Halt gemacht hat.
Das beste Beispiel für kulturelles Up and Down, Überschläge, Schmelzen sowie Ausscheidungen ist unsere große abendländische Kulturmutter, das Römerreich. Sind Generationen noch mit dem alten Mythos beschult worden, dass Romulus und Remus die imperialen Begründer waren, lockt uns Puchner in einen ganz anderen Gründungsmythos: Wäre das Zwillings-Narrativ trotz der Wölfin als Amme für die sendungsbewussten Römer doch viel zu schlicht gewesen. Nein, der Begründer des Imperiums war einer der Unterlegenen aus dem legendären Trojanischen Krieg, den es wie Odysseus durchs Mittelmeer verschlug, bis er auf der Apenninhalbinsel seine Bestimmung fand. Ja, das hat Wumm!
Jesu Auferstehung – genialstes Narrativ!
Vor allem mit folgender Praxis prosperierte das 1000-jährige Reich. Die Römer „pfropften“, so des Autors Anleihe aus der Pflanzenveredelung, sich die Errungenschaften vieler anderer Kulturen auf; so wie das übrigens auch die von ihm erwähnten Azteken und andere Großreiche der Geschichte machten, letztlich auch die Vereinigten Staaten, die sich nicht nur in der Architektur ihrer Regierungsgebäude auf das imposante mediterrane Vorbild berufen.
Kultur wirft lange Schatten. Unsere heutige Theaterkunst, Komödie wie Tragödie, verdanken wir den Griechen. Aus Homers Epen, der Ilias und Odyssee, gewannen die Römer ihre Identität. Dass sie das verfolgte Christentum zur Staatsreligion erhoben war vielleicht ihr kühnster und gelungenster Schachzug. Die Erlösung im Himmel und die Hoffnung auf ein ewiges Leben ist das genialste Narrativ der Weltgeschichte und aller Zeit, befand zu Ostern die ZEIT.
Platon – Vater der Science-Fiction
Während Platon vermutlich genau diese Jenseitslehre als die allergrößte Illusion verworfen hätte, ebenso wie die Bühnenkunst. Konsequenterweise verbrannte er seine eigenen Theaterwerke und wandte sich der Philosophie zu und dem Nachsinnen über die illusorische Realität. Zeitlose Zeugnisse sind sein Höhlengleichnis und sein Atlantismythos, die Science-Fiction und Zeitreisen vorwegnahmen und über zweieinhalb Jahrtausende die Brücke in die Zukunft der Menschheit spannte. Grandios zeitlos.
Insgesamt, Puchners Blick auf die Kulturgeschichte ist eine Wundertüte, ein erfreulich offener Blick in die Werkstätten der kulturellen Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion rund um Geschichten, die ins Herz und an die Seele gehen. Das Werk ist sorgfältig lektoriert, wenngleich es nicht in Gänze gelang, den lästigen Rechtschreibteufel an die Leine zu legen; der edle mittige Farbteil und seine Abbildungen passen zu den Kapiteln, wohingegen das Schaufenster, das Buchcover grafisch eher abfällt, ebenso wie inhaltlich der Titel, der sehr allgemein formuliert ist unter Verwendung des inflationären „neue“ – gleichwohl das anspruchsvolle Adjektiv gut eingelöst wird.
Wir alle – Zwerge auf Giganten
Ebenso beeindruckend wie auch transparent und ehrlich die lange Liste von Namen, denen sich Puchner zu Dank verpflichtet fühlt – auch dies ein demutsvoller Ausdruck seiner Recherchen, im 12. Jahrhundert bereits festgehalten von Bernhard von Chartres in diesem Bild: dass wir alle Zwerge auf den Schultern von Giganten sind.
Martin Puchner: Kultur – Eine neue Geschichte der Welt. Klett Cotta, Stuttgart 2024, 35 €


