Gibt es eigentlich auch eine Altersempfehlung für Bücher? Dieser Katalog von Geschimpfe, Gefluche, Verbalinjurien hätte vermutlich eine verdient. Wenn Mensch böse ist, macht er sich seit Jahrtausenden Luft rund um Ausdrücke, die den Anus ins Visier nehmen und jenen in unflätigster Art auf andere projizieren. Diese Ausdrücke wünschen wir uns von unserem Nachwuchs nicht. Aber da der sowieso kaum mehr liest, wäre eine solche Maßnahme wohl vergebliche Liebesmüh um die Reinhaltung der deutschen Sprache und Interaktion.
Die Malediktologie und das Fäkale
Und, natürlich – sind wir nicht alle Voyeuristen? Auch wenn unser eigener Schimpfvorrat sich auf einige der bekannten Floskeln reduzieren sollte, schauen wir doch allzu gern hinter den Vorhang dessen, was Alltag, Dialekte, Literatur an Herabsetzungen und Beleidigungen so alles wuchern lassen. Das füllt über 200 Seiten. Willkommen in der Wissenschaft der Malediktologie, der „hohen Kunst des Schimpfens“, wie der Buchtitel dazu lautet.
Ja, auch dem Kritiker juckt es in den Schreibfingern, hier zu einer Olympiade der abgefahrensten Flüche zu blasen, die verwegensten zu zitieren. Aber darüber schweigt des Rezensenten Höflichkeit. Nur so viel: Die Kreativität von Mitgliedern aus allen Kulturen, sozialen Schichten und historischen Zeiten ums Steigern des fäkalen Expressionismus ist unfassbar erstaunlich. Ganz ehrlich, sehr unterhaltsam zu lesen – sofern man nicht selbst von einem solchen Fäkalstrahl getroffen wird.
Von Dösbadl über Lällabäbbl zu Urumpel
Das ist aber nur ein Teil malediktologischer Wahrheit. Wie wohltuend im Vergleich zu den allfälligen Extremen die geradezu zarte Polemik eines Thomas Mann, gewandet in meisterhafte Diplomatie (im Gegensatz zum Haudrauf Schopenhauer und vielen anderen Hochwohlgeborenen unserer Kultur, selbst Goethen). Wie köstlich, sich die regionalen Sprachkreationen wie Dösbadl, Hundling, Gschwearl, Blaffke, Lällabäbbl, Federntandler, Urumpel auf der Zunge zergehen zu lassen. Wie tröstlich Ludwig Thomas unsterblicher Aloisius, der aus dem Himmel verbannt wird und im Hofbräuhaus sein Austragshäusl findet.
Wer aber erinnerte sich, dass Günter Grass für die Springerpresse solch ein rotes Tuch war, gegen das jene ihre wütigsten Stiere in Stellung brachte? In Politik und Öffentlichkeit wird nicht erst seit heute mit harten Bandagen gezofft. Strauß und Schmidt, das waren Duelle, wohingegen der als Groß-Wüterich gefürchtete Wehner mit seiner „Übelkrähe“ fast prosaisch klingt. Ganz aktuell: Der öffentlich dargebotene Stinkefinger eines Präsidenten, der den Friedensnobelpreis begehrt, entstammt der von uns so verehrten antikgriechischen Kultur. Das Körperteil signalisiert erzwingende Penetration.
Schimpfen und Fluchen – ein Grundbedürfnis?
Die beiden Herausgeber, deren Vita das Werk leider beschweigt, legen mit ihrer Schimpffibel ein großes Recherchewerk vor, konsumierbar in kleinen Häppchen. Hervor stechen die eigenwillige Grafik, die die Tiraden prima einfasst, ebenso wie eine ziselierte Inhaltsstruktur. Insgesamt, die Handreichung im Buchdeckel, dass Flüche Leib, Seele, Gesellschaft zusammenhalten, schmeichelt uns homo sapiens eigentlich nicht so sehr. Oder vielleicht doch?


