Heute schon mal bewusst durchgeatmet?

Die Luft, die uns umgibt und die wir atmen, sie ist so normal, dass wir sie gar nicht wahrnehmen, und doch: Sie bleibt unfassbar rätselhaft, etwas zwischen Materiell-Atomarem und Nichtfassbar-Seelischem.

Unberechenbare Luft- und Windgötter

Diese Allgegenwart der Luft, ihre Bedeutung in den antiken Mythen und ihren unberechenbaren Luftgöttern, der zumindest teilweisen Enträtselung der atmosphärischen Materie während der Aufklärung, den hochspektakulären wissenschaftlichen Versuchen damit, ersten Flugabenteuern mit heißer Ballonluft und ihrer erneuten Verrätselung in der Romantik, bis zur modernen Ökologie – das ist der große Bogen dieses sehr lesbaren, streckenweise fast lyrisch-poetischen Buches. Der Autor Jens Soentgen, Chemiker und Philosoph, hat sich seinem luftigen Thema nicht nur naturwissenschaftlich, sondern empathisch, geradezu liebevoll genähert.

Ein besonders fühlbares Merkmal von Atmosphäre und Luft sind die Winde. So selbstverständlich für uns Heutige. Wie die allgegenwärtigen Luftbewegungen aber von den Griechen über die Römer bis ins Mittelalter für alles Gedeihen und Verderben herhalten mussten. Diese Winde sind uns heute nur noch präsent durch Automodelltypen und leben in jenen fort: Scirocco, Bora, Zephyr.

Mutter der Demokratie

Hinter diesen Namen standen Götter, um deren Gunst die damaligen Menschen ständig buhlten und mit Opfern versöhnten. Kritisch war das in schicksalshaften Situationen wie Seegefechten, deren Erfolg und Misserfolg stark von den herrschenden Winden abhingen. 

So konnten sich die Griechen vor einer Besetzung durch die Perser nur deshalb retten, weil die Winde urplötzlich zu ihren Gunsten umschlugen. Eine dieser Schlachten wird auch zur Stunde null der Demokratie gezählt. Weil mit diesem Sieg sich der Geist der gemeinsinnigen Polis im antiken Siedlungsraum ausbreiten konnte, so die Lesart der eurozentrischen Historie.

Aufklärer wider Aerosophen

Aber dann, zwei lange Jahrtausende später: weniger Aberglaube, mehr Beobachtung, Nachdenken und Empirie, halt Wissenschaftsgeist, das ließ peu á peu die Erkenntnis reifte, dass Winde durch Luftverlagerungen entstanden, die Klima- und Wettereinflüssen geschuldet waren. So etwa der das Küstengeschehen regierende Land- und Seewind, der dadurch entsteht, dass sich Erde und Wasser wegen ihrer unterschiedlichen Beschaffenheit tagsüber unterschiedlich rasch erwärmen. 

So gelang im Geiste der Aufklärung und Einsatz des Verstandes (Kant) sukzessive die Analyse der Luft mit dem Herausfiltern ihrer chemischen Bestandteile. Diese Entmythologisierung rief wiederum Gegenkräfte hervor, sehr prominent in Gestalt von Herder, der als bekennender Aerosoph die Luft wider Entgeistigung und Vermaterialisierung verteidigte und ihr sprachlich ein Denkmal als „Himmels-Athem“ setzte.

Enteinzelnde Luftkräfte

Einen anderen Akzent indes setzten die Gebrüder Humboldt, die das Bonmot über die Luft als „enteinzelnde“ Kraft schufen. Luft verbindet, ermöglicht den Schall, das Hören, die Sprache und die Musik, das Riechen, insbesondere das Atmen, basiert auf einer übergeordneten Gemeinschaftsleistung von Mensch und Natur. Eigentlich ein großes Wunder – auch das so banal für uns.

Die Pflanzen erzeugen den für menschliches und tierisches Einatmen und unser körperliches Funktionieren unabdingbaren Sauerstoff, den sie aus dem von uns ausgeatmeten Kohlendioxid produzieren. So entsteht Kohlenstoff in Gestalt von Holz und Kohle, Erdöl und Gas. Die fossilen Stoffe wurden die Basis der Industrialisierung und der bis heute regierenden Petro-Ökonomie. Luft, sie verbindet uns alle, Mensch, Tier, Pflanzenwelt, atmenderweise, als das große, unsichtbare, fast gespenstische planetare Lebensmedium.

Experimente mit Fürzen

Intellektuell-schriftstellerisch sehr geschickt, wie der Autor seine historische Luftabhandlung immer wieder Wenden vollziehen lässt, wie der Experimentalphysiker Lichtenberg mit der Luft wahrhaft bombastische Experimente veranstaltete, die ihn weit über die Grenzen bekannt machten und mit welchem Genuss er und sein Publikum sich Feuer- und Farb- sowie Knallerscheinungen von Luft-Gas-Gemischen hingaben; bis zu dem bei Kindern beliebten Entzünden und Abbrennen von Körpergasen wie Fürzen. Das alles war damals im 18. Jahrhundert großes Kino! Das mit seinen verheißungsvollen Abenteuern die Wege so vieler in die Naturwissenschaften ebnete.

Und dann wieder der anti-zyklische Ausschlag, die Gegenbewegung. Die Romantiker rund um Schelling bezweifelten die gnadenlose Durchmaterialisierung der Welt durch die Naturwissenschaftler. Für sie war die Luft wieder der Stoff der Seele, was sie in denkwürdiger Schreib- und Malkunst auf Papier und Leinwänden festhielten und uns bis heute die Luft als irgendwie unwirkliches, aber um so wirkmächtigeres Medium erscheinen lässt. In der Tat, die ganze moderne Technik, Flugzeuge, Raketen – ohne Luft undenkbar ebenso wie einige der größten Dichtkunstwerke!

Fast heilig!

Schlussendlich schwenkt der Autor wieder auf die Griechen zurück. In der Ökologie hat die Luft ihren ursprünglichen Status zurückerobert, dass alles systemisch zusammenhängt, dynamisch, organisch, prozessual, sie sich nicht auf bloße Atome reduzieren lässt. Sondern in einem Geben und Nehmen, reziproken Kreisläufen, ohne Anfang und Ende sich definiert, nicht nur als Seele, sondern fast schon einen heiligen Charakter hat.

Insofern erscheint der einzige ins Auge fallende Fehlerteufel, der Sakrophag, fast als absichtlicher Dreher – ein Fehlerengelchen.

Jens Soentgen: Luft. Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel. C.H. Beck, 2026, 28 €

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