Eine kontroverse Biografie – Beitrag zur NS Familienforschung

Die TELI hat sich ausführlich mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus auseinandergesetzt: Der Rolle von Wissenschaft und Technik in der NS-Zeit sowie ihrer eigenen, fördernden Rolle dabei, zusammengetragen in „Am Anfang war die TELI“, präsentiert und diskutiert auf internationalen Wissenschaftskonferenzen. Hier kommt ein aktueller Beitrag dazu. „Einsatz über den Wolken“ schildert die Lebensgeschichte des ruhmreichen Hakenkreuz-Jagdfliegers Gerhard Thyben, international respektiertes „fighter ace“, befreundet mit legendären Luftfahrtpionieren wie Chuck Yeager, der mit Düsen-Power erstmals die Schallmauer durchbrach.

TRAUM VOM FLIEGEN

Vorweg: Die Thyben-Biografie, verfasst von der bayerischen Journalistin Jenny Schuckardt, assistiert durch Thybens Sohn Gerd, ist packend. Durch die 286 Seiten hat sich der Rezensent in drei Abenden gefressen. Hin und her gerissen von dramatischen Szenen:

Zweikämpfen an den Himmeln der Sowjetunion, Finnlands, den Niederlanden, im enger werdenden Klammergriff durch die Alliierten; des Protagonisten Wanken zwischen unreflektiertem Stolz über seine Siege (für das widerlichste und zugleich durchtriebenste Verbrecherregime der Geschichte, neben Stalins) und aufblitzender Reue über von ihm verursachtes Sterben; der Flucht des bei Kriegsende 23-Jährigen zu Fuß über die Pyrenäen, Einschiffens mit faschistischer Agenten Hilfe nach Argentinien und Neustarts dort; schließlich Seßhaftwerdung im kolumbianischen Cali – lebenslang seinen Traum jagend:

FLIEGEN. Ob als Testpilot der kolumbianischen Luftwaffe, Pestizid-sprühender Agrarflieger, Montage eines Flugzeugbausatzes. Das Ziel seiner Träume, (Lufthansa, Avianca) Flugkapitän in der zivilen Luftfahrt, erreicht er freilich nie. Gleichwohl hochqualifiziert dafür und einer, der wirklich noch die Kunst des Fliegens beherrschte. Notfalls hätte bestimmt auch Thyben, wie sein Kollege Chesley „Sully“ Sullenberger, einen Airbus auf dem Hudson vollendet notwassern können.  

KOLLEKTIVE AMNESIE

„Einsatz über den Wolken“ ist ambivalent. Aber: kein billiger Landser-Schinken, keine Kriegsverherrlichung, schon gar nicht rechtspopulistisch, was Buchtitel und Deckel insinuieren könnten. Sondern der ernste und für alle Beteiligte mühselige und respektable Versuch, in eine deutsche Kriegsgeschichte aufklärerisches Licht zu bringen.

Grundsätzlich stehen wir weiterhin vor einer finsteren, fast gespenstischen Wand, wie Deutschland in die Nazi-Katastrophe, Holocaust, Weltkrieg mit insgesamt über 50 Millionen Toten hineinstürzen konnte. Nach neueren Forschungen nicht allein verursacht von einer kleinen teuflischen Machtclique, sondern mit Unterstützung im ganzen Volk, das später seine Mitschuld komplett verdrängte (s. auch DAAD Heidelberg Talks 5/2021: NSDAP). So wie in der kollektiven Orgie, die Patrick Süskind im „Parfum“ beschreibt – tags darauf getilgt durch eine Total-Amnesie.

„Einsatz über den Wolken“ ist ehrlich. Thybens nach 80 Jahren gehobenen, collageartig aus Briefen, Tagebuch, Zeitdokumenten zusammengesetzten, historisch-hermeneutisch nachempfundenen Erlebnisse weisen ihn als NS-affin, ohne Parteimitgliedschaft aus. Jemand, der sich wegen seiner Flugbegeisterung freiwillig zur Luftwaffe meldet, dort mit draufgängerischen Einsätzen sich einen Namen macht, mit höchsten Orden ausgezeichnet wird, wenige Tage vor Kriegsende von Hitler noch persönlich, sein Vaterland gegen feindliche Bomben wie besessen verteidigt (damit den Krieg, das Leiden, Sterben verlängerte), 152 Feindflugzeuge „vom Himmel holte“ (S. 100/108), stolz in piekfeiner Flieger-„Unform“ (S. 76: Freudscher Verschreiber?) und Siegerpose durch Paris flaniert, mit der Apokalypse bereits greifbar.  

RITTERLICHE ZWEIKÄMPFE

Als „Topgun“ gehörte Thyben zur Elite. Jagdflieger-Duelle galten als ritterlicher Zweikampf in der Luft. Dieses Heldenbild hatte der selbst von seinen Gegnern hochverehrte „Red Baron“ Richthofen im Ersten Weltkrieg geprägt. Der Name des tollkühnen Piloten lebt bis heute in Straßen, Schulen, Bundeswehrgeschwadern fort. Aus dieser Elite – mit sogar fast doppelter Anzahl dokumentierter Abschüsse – stürzte Thyben ab und fand sich am Tage der Kapitulation als absoluter Nobody wieder. Eine Tragödie, fast shakespearesk, wie für so viele Deutsche 1945. In seiner Heimatstadt Kiel findet Thyben eine Lehre in einem Farbhandel und lernt, Blau und Gelb zu Grün zu machen. In seinem transatlantischen Exil respektive neuer Heimat arbeitet er dann den Krieg und seine eigene Rolle Stück für Stück kritisch auf. Gleichwohl Thybens Heldenimage, schreiberisch beabsichtigt oder unbeabsichtigt, dabei immer durchschimmert, bis zum dauerhaft schmerzlich erlebten Verlust seines Ritterkreuzordens.

Meine Lektüre hat eine breite Spur von Bleistiftanmerkungen durchs Buch gezogen zwischen Zustimmung und Kritik, Fragezeichen und Nachfragen über Ethik und Schuld:  War Thyben ein Akteur des Nazi-Regimes? Reiner Mitläufer? Karrierist? Opportunist? Nur Nerd? Juristisch Kriegsverbrecher? Ein auf Propaganda hineingefallener Naivling, politisch Missbrauchter? Ein Abiturient, einfach zu grün, um zu kapieren, was passierte? Wie hätten wir uns selbst an seiner Stelle verhalten? Wer Steine wirft, muss sich das zuallererst fragen!

Ich selbst in seinem Alter, vollgefüttert mit Familiengeschichten des Tenors: „Wir wurden ja nicht gefragt“, habe den Kriegsdienst verweigert. Zur Missbilligung meiner Familie, Flüchtlinge, die mütterlicherseits über 20 Verwandte im Krieg verloren hatte, bei jeder Familienfeier gebetsmühlenartig wiederholt. Trotz dieser Traumata fand – damals unbegreiflich für mich – Keiner Verständnis für meine Kriegsdienstverweigerung. Das war der Polit-Kurzschluss der Adenauerzeit, in der etliche ehemals hohe Nazi-Funktionäre Schlüsselämter bekleideten in den Jahren 1949-1969, die Hildegard Hamm-Brücher folgerichtig „Post-Hitler-Zeit“ nannte. Ich musste damals vor einer gerichtsartigen Verhandlung mein Gewissen ergründen lassen, mit positivem Ausgang dank Fürsprache der Kirche, wo ich einen Jugendgottesdienst über soziales Unrecht in Lateinamerika und Kolumbien gehalten hatte.

„ICH MUSSTE …“?

In meinem Journalistenleben habe ich ausführlich über die NS-Verflechtung der Wissenschaften recherchiert, geschrieben, weltweit darüber referiert, und weiß, zusätzlich aus aktuellen Sport- und Ruderweltstudien: Trotz rigoroser Kontrolle gab es Handlungsfreiheiten im NS-Regime, die von Mutigen auch genutzt wurden. „Ich musste“ ist das Narrativ der Bequemen. Selbst Göring hatte bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sich auf Befehlsnotstand herauszureden versucht, bevor er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung in die Giftkapsel biss. Er und Hitler, ein grauenhaftes Tandem, operettenhaft-asketisch, am Ende Feiglinge, nackte Kaiser, denen erst die Geschichte die Wahrheit zu sagen wagte.

In der Synopse treffen in Thyben und mir, im Jahrgang 30 Jahre voneinander getrennt, trotz großer Ähnlichkeiten (mit derselben Heimatstadt, Prägung durch Kolumbien, Faible für die Fliegerei) zwei diametral entgegengesetzte Lebensentwürfe zusammen. Daher könnte ich ihm zurufen: „Herr Thyben, hätten Sie und Millionen Deutsche sich für Hitler, Nazis, Völkermord, Krieg nicht hergegeben, stünden Sie, wir nicht vor dieser schier untilgbaren historischen Schuld.“

Aber das wäre, siehe oben: unbillig. Wir sollten dieses Werk rezipieren als das, was es versucht: Familiengeschichte und die NS-Zeit aufzuarbeiten, wenig zu beschönigen, offen Motivationen heraus zu sezieren. Insofern wünsche ich ihm eine wogende Diskussion in der Öffentlichkeit, in der deutsch-lateinamerikanischen Interkultur, in Lateinamerika selbst, wohin so viele Deutsche ausgewandert waren, wo sich ihre Spuren verloren, oft mit dem Geruch brauner Vergangenheit in historisch Hitler-freundlichen und zum politischen Extremismus neigenden Staaten und Gesellschaften.

NS FAMILIENFORSCHUNG

Was das Buch relevanter machte, womöglich in einer ihm zu wünschenden Zweitauflage:

  • Anschauliche Landkarten, die Thybens Jagd- und Flugeinsätze wie Wanderungen durch die Welt nachzeichnen;
  • Übersichtliche Zeittafel, die dieses unstete Emigrantenlos chronologisch ordnet (auch mit einem Geburtsdatum, das sich nur extrapolieren bzw. in den vielen Thyben-Wikis nachlesen ließ);
  • sorgfältig textlicher Überarbeitung und Korrektur durch das Verlagslektorat (an dem die Branche leider immer mehr spart bzw. ihren Autor*innen aufbürdet); Präzisierung einiger Bildlegenden wie auch der Hinweis, dass das Buchcover Thyben in der Junkers W-34 zeigt, einem Zivilflugzeug, das in den 1930ern in Kolumbien im Einsatz war, den Post- und Frachtverkehr in der verkehrstechnisch unerschlossenen, schwer zugänglichen Andenregion revolutionierte, und heute in einem Museum in Bogotá steht – eine Brückensymbolik?
  • Prolog durch die Autorin, auf welche Quellen sie sich beruft und wie sie zu mitunter sehr detaillierten und intimen Aussagen des von ihr beschriebenen Protagonisten gekommen ist, als ob sie das Erzählte selbst erlebt hätte;
  • Epilog durch Thyben Jr., wie er sich zu den kritischen Fragen über die Vergangenheit des Vaters stellt, seine persönliche Sicht auf ihn, auf die Geschichte, den Nationalsozialismus, Beteiligung seiner Familie und Schuldfrage, letztlich eine ernsthafte Reflexion: Was wir aus Thyben Sr. für unsere Zukunft lernen?

Fazit: Die Geschichtsforschung entdeckt gerade eine neue wertvolle Quelle, die lokale NS-Forschung. „Einsatz über den Wolken“ erschießt eine weitere Ebene: die Familienforschung. Das vorliegende Buch ist ein Beitrag hierzu und sollte viele Nachfolger finden. Mit dem Ziel einer Hitler-Dekonstruktion, so wie vorgelegt von der kritisch kommentierten Edition von „Mein Kampf“ (in Übersetzungen jetzt endlich auch international zugänglich — im Juni 2021 von Kolumbiens SEMANA rezensiert), das sein wissenschaftlich-historisch an den Haaren herbeigezogenes, stilistisch verquastes, von Blut-Semantik getränktes Wahngebäude einstürzen lässt.

Rezensent: Wolfgang Chr. Goede, TELI Vorstandsmitglied, im Juni 2021

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