Dies ist mal eine andere Rezension. Wir wollen hier testen, was der Rezensent aus dem Gelesenen gelernt hat. Wenn man so will zur beidseitigen Kontrolle: Wie klar war das Anliegen des Buches, was machen Lesende daraus? Studienobjekt ist Arnd Schimkats LACHEN MACHEN – Anleitung für den hier vorgelegten Humorentwurf. Also Kaffeekocher angeworfen, Füllfederhalter betankt, auf geht’s.
Tim & Jim sind Busenfreunde. Unzertrennlich, dabei absolut unterschiedlich. Während der eine voller Ängste und Zweifel steckt, schäumt der andere vor Mut und Übermut. Was sie zusammenschweißt, die Götter mögen’s wissen – muss man selbst denn immer alles kapieren?
In der Grundschule verkroch sich der schmale Tim stets hinter Jim, wenn er nicht drankommen wollte. Und das war eigentlich immer. Der bullige Jim war Deckung, Blitzableiter, Einflüsterer. Wenn Tim mal wieder nur ein Stottern hervorbrachte, machte Jim gutes Wetter für ihn. Ein Macher, der allzeit bella figura im Klassenzimmer machte. Und ein bisschen Glanz davon fiel auch auf Tim. Sodass er in Jims Kielwasser ganz gut um die Klippen kam.
Nur einmal, da ging’s in die Hose. Abendfüllend. Der Rechenlehrer zitierte Tim an die Tafel. Mit weichen Knien schlich Tim vor, die Kreide klebte, die Tafel kreischte. Keine gute Ouvertüre. „Falsch!“, dröhnte da schon Herr Siemsen. Tim rutschte das Herz in den Hintern, Gase entwichen, der Blick wurde nebelig. Jim, hinten – unerreichbar. Seine Augen verfingen sich in der ersten Reihe, wo Bärbel saß, Primus, die in seiner Straße wohnte, ihm gelegentlich bei Hausaufgaben half und die für ihn immer nur die Püppi war. Seine Rettung!
„Aber Pü-Püp-pi hat doch …“. PÜPPI. Die Klasse grölte, Siemsen lachte sich schlapp. „Und so einer will auf die Oberschule“, hörte er ihn mit mokanter Stimme. Das tat weh, erneut wieherndes Gelächter. Oh mein Gott. Heilige Scham und nirgendwo ein Mauselöchlein. Die Pausenklingel erlöste ihn. Aber nur kurz. Auf dem Schulhof keifte die Püppi-Bärbel ihn an. Ob er verrückt sei. Sie so zu blamieren. Ratsch! Zog ihm mit ihren Fingernägeln zwei tiefe Kratzer übern Arm. Da ging Jim dazwischen. Warmes Blut tropfte herab.
Im Sport, na ja: Bei der Auswahl zu den Fußballteams war er stets einer der letzten. „Immerhin nennen sie dich nicht Clumsy, wie den, der immer übrigbleibt“, tröstete sein Nothelferengelchen. Nein, eine Sportkanone, das wurde das Sensibelchen nicht, eben so wenig wie die Kirche ihm den roten Teppich ausrollte.
Bei den Prüfungen zur Konfirmation verhaspelte er sich bei einem Bibelvers und unterm Christuskreuz verdammte ihn Gottes Erdendiener: „Tim, aus dir wird nie was!“ Pänggg. Das aus dem Munde von jenem, der dereinst als Nazi marodiert hatte. Was geschähe, fragten Tim & Jim, wenn? Wenn sie dem Pfaffen ein Kreuz mit Haken aufs Kreuz sprühten?
Warum sich Tim zum Schreiber berufen fühlte, stand in den Sternen, so wie die innig verschränkte DNA der beiden Extremlinge. Eines seiner ersten journalistischen Stücke drehte sich um Vulkanismus. Tim, nicht blöd, wollte besonders kreativ sein und war imaginativ durch einen Vulkan gekrochen. Fakten, tobte sein Chef. Kein verquastes Feuilleton. Thema verfehlt. Sechs miiinus. Hurraaaa!, hörte Tim Herrn Siemsen trompeten.
Nach der Klatsche suchte Tim Streicheleinheiten. Dabei entlud er sich wie ein aufgestauter Feuerberg. Im hohen Bogen und wie ein Wolfsrudel aufheulend warf er sich auf Jims Bett. Krachend brach das zusammen. Von unten klopfte es mahnend. „Bitte mehr Disziplin beim Geschlechtsverkehr, meine Herrschaften!“
Ja, die Liebe. Einmal hatten Tim & Jim ein paar Schnäpschen gebechert und angedüdelt sagte Tim: „Du, Jim, ich muss dir was beichten … du, ich hab neulich mit deiner Freundin geschlafen.“ Der hat ihn nicht in die Fresse, sondern auf die Schulter gehauen. Strahlend. „Mann, Glückwunsch, mit diesem bockigen Ding. So’ne richtige Püppi, Typ Kratzbürste. Der Grund, mich zu trennen. Endlich!“
Angst und Zweifel sind unser Überlebens-Kit. Gleichzeitig sind Angststörungen seit der Pandemie eine der am stärksten anwachsenden Mental Health Herausforderungen. Weltweit. „Humor ist Katharsis“, sagt Medellín’s Komiker Suso alias Dany, depressiver Melancholiker, demnächst auf Welttournee. „Reírse por no llorar“, lachen um nicht zu weinen – Humor als Rettungsring, Festival der Anders-Denker. Bitte meehr, viiiel mehr über Tim & Jim, Angst & Mut!
Arnd Schimkat ist Schauspieler und Clown, Autor und Drehbuchschreiber, Lehrer und vieles mehr rund um Humor. Jemand, den die Anglos „a seasoned man“ nennen, einen gestandenen Mann.
Das Buch ist sein Lebenswerk, Erfahrungen aus jahrzehntelanger Arbeit an der Werkbank von Witz und Humor, die er an den angesagtesten Komödien der Filmbrache fast ingenieurwissenschaftlich herunterbricht und die Regelwerke dahinter sichtbar macht, jovial in der Sprache, verständlich in den Arbeitstechniken. Alles prima lesbar, grafisch und optisch exzellent aufbereitet, darunter viele Zitate und Einspieler, auf 352 Seiten eventuell eine Spur zu ausführlich.
Auch ein Quäntchen zu hollywoodesk? Welche Humorrezepte kannte die europäische Hochkultur, die alten Griechen, Perser, Chinesen, Polynesier? Aber ja, das wäre zweifellos ein anderes, neues Buch, was in Anfängen bereits von den Autoren des famosen The Humor Code versucht wurde, nur anders.
Insgesamt, hier ist ein Täter am Werk, der liebt, was er tut. Und wie! Bis zu seiner Einladung in „Schlussendlich“ um Kontaktaufnahme, wenn sich ein Lehrling dieser Zunft in einer Sackgasse verrannt haben sollte. Yeah, mehr gute Komiker, Nachwuchs und Lehrende braucht diese Welt!
Arnd Schimkat: LACHEN MACHEN. Die geheimen Regeln der Komik. Mit 16 Cartoons von Moses Wolff. Blond Verlag. München 2025. 26,75 €
Foto: Das zerlesene Rezensionsexemplar mit unzähligen Ein- und Anmerkungen. Auf dem Titel posiert der Autor, mit Banane.
Kontakt >> https://www.arnd-schimkat.de/


