Die Dornen der Hingabe

Wo Reclam drauf steht, ist auch Reclam drin. Zwar fremdelt die alte Schülergeneration, an die schmalbrüstigen gelben Bändchen gewöhnt, noch mit dem neuen Edelformat. Doch der Inhalt trifft die aus der Gymnasialzeit vertrauten Bildungsinhalte.

In Hingabe. Warum wir uns auf die Welt einlassen setzt sich Wilm Hüffer, studierter Philosoph und Historiker sowie Radiokulturmoderator, mit Hannah Arendt auseinander und ihrer Definition von Liebe als „capacity for devotion“, Fähigkeit zur Hingabe. Dazu zieht er Weltwerke der Literatur heran. Er vermittelt tiefe Einblicke in die ethisch-philosophischen Gestimmtheiten von Roman-, Krimi- und Filmhelden, trotz des anspruchsvollen Themas prima lesbar, gerade auch in dieser hybriden Kreuzung. Mitunter wünschte man sich weniger inhaltliche Schleifen, dass der Autor in seinen acht Kapiteln schneller zum Punkt käme und diesen auch schneller zum Abschluss brächte.

Dahingegen hat er die Titel der Kapitel so gut ausformuliert, dass sie meist sehr genaue Richtungsweiser sind für das, was die Lesenden erwartet (da irrt man bei einigen Autoren ja in feuilletonistischen Dschungeln herum). „Ego-Shooting“ bei James Bond – klar, das ist sein Markenzeichen, ebenso attraktiv wie problematisch. „Sucht nach Anerkennung“, nicht unbedingt zu erwarten bei Sartre und seinem Existenzialismus, der sich weltanschaulich in schwarzer Kleidung gefiel; auch bei seinem Landsmann Maupassant, dereinst Pflichtlektüre im gehobenen Französischunterricht, erstaunt „blinder Aktionismus“. Beide Attribute machen dingfest, dass Hingabe im Kreativen sich oft auf Ich-Verwirklichung konzentriert und narzisstische Züge trägt. Und der gemeinsinnige Vektor mit den für die Gemeinschaft zählenden Leistungen weit abgeschlagen dahintersteht.

Zwei Figuren stechen hervor in dem vom Verfasser ausgewählten Personentableau. Zum einen Lady Chatterley, in Schulreclamzeiten die Lektüre von Pennälern, versteckt unter der Schulbank, die zügellose Sexszenen explizit beschrieb und die fehlende sexuelle Aufklärung ersetzte, als Pornografie galt und nie im Kontext verstanden wurde. In „Hingabe“ steht dahinter der Unabhängigkeitskampf einer Frau aus Adelskreisen, die ihrer öden Ehe entflieht und bei einem Wildhüter sexuelle Freiheit findet. Die aber über die körperliche Hingabe am Ende ihren Kampf um gesellschaftliche Freiheit verliert.

Weitere Überraschung: Am Ende des Tages gewinnt eine Krimi-Figur den Hingabe-Wettbewerb. Der Agent Smiley in John le Carrés literarischer Schöpfung. Trotz seiner großen Aufs und Abs in seiner Karriere, den Demütigungen durch die arrogante gesellschaftliche Oberschicht seiner britischen Heimat, seinem Liebesunglück rappelt er sich immer wieder auf, wie ein Stehaufmännchen, und erfüllt seinen Job und Dienst am Vaterland treu, ergeben und hingabevoll, in geradezu preußischer Disziplin, was er selbst als „old fashioned“ nachfragt, wobei er ja auch vom potenziellen „abuse“ sprechen hätte können, der in dieser heiklen Branche immer mitschwingt, siehe auch Stasi.

Im Schlussresümee verortet der Autor die ideale Hingabe als Balanceakt zwischen Ego und vielfältigem Rollenspiel, welches uns die Gesellschaft auferlegt. Aber ist damit Liebe, und das war ja der Ausgangspunkt der Untersuchung, ausreichend erklärt? Die vorgelegten Argumente sind spannend und schlüssig, die Conclusio indes ein pars pro toto: das Balance-Paradigma gilt für eigentlich alles.

Hannah Arendt ist zweifellos die faszinierendste Zentralgestalt der modernen Philosophiegeschichte. Nur, führen Liebe und Hingabe wirklich weiter beim Erforschen ihres Denkens? Und zwar auch in der thematischen Grenzüberschreitung zur Religion und Gestalt Jesu, seiner gelebten Liebe und Hingabe, die Kardinalfigur schlechthin dafür?

Wäre es vielleicht nicht ergiebiger gewesen, Arendts berühmten Wahlspruch von „Denken ohne Geländer“ mal unter die Lupe genommen zu haben? In Zeiten, die uns die Ideologien wieder enger auf den Leib rücken lassen und in unserem Weltblick einzupferchen versuchen, wären barrierenfreie Zugänge zu unserem Sein womöglich eine konkretere Handreichung gewesen. Vielleicht gäbe dafür der respektable Reclam-Bildungskanon mit 149 Neuerscheinungen gelegentlich auch noch einen Slot frei.

Wilm Hüffer: Hingabe. Warum wir uns auf die Welt einlassen. Reclam Ditzingen. 2025 24 Euro

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