Auuuuuuuutsch!

50 000 Jahre Medizingeschichte, von der Chirurgie unserer steinzeitlichen Ahnen bis zur heutigen DNA-Analyse. Dieses Buch ist ministrabel, will sagen, empfehlenswert als populärwissenschaftliches Standardwerk der Medizingeschichte. Durch komplizierteste medizinische Prozesse, Heilverfahren, Entdeckungen liest es sich so leicht wie ein Schnitt durch raumtemperierte Butter.

Wiege der Medizin – der Barbier

Vom neugierig machenden Inhalt mit bildhaften Titeln bis zum Ende, das den Beruf des Arztes über die Naturwissenschaften als Kunst stellt, sind die 491 Leseseiten eine Labsal. Der schriftstellernde Arzt und Zeitungsredakteur Dr. med. Werner Bartens weiß, wie man Leser bei der Stange hält, nämlich mit vielen Erzählerchen.

Wenn er etwa die lange schleifenreiche Geschichte des Stethoskops beschreibt, ein einfaches Instrument, das aber über ein Jahrhundert brauchte, bis es akzeptiert wurde, was auch darauf hinweist, dass die Medizin von Haus aus konservativ ist und nie auf die großen Innovationen gewartet hat.

Beim Friseur die weiß-rot-blaue Säule war über Jahrhunderte der Inbegriff und State-of-the Art der Medizin. Der Barbier war alles in einem: Er schnitt Haare und Bärte (blau), riss die faulen Zähne aus (weiß), nahm den Aderlass vor (rot). Darüber hinaus war er oft der Chirurg der Wahl und amputierte mit Messer und Säge Arme und Beine. Das war über Jahrhunderte die einzige Methode, um bei Verletzungen der Gliedmaßen den gefürchteten Wundbrand zu stoppen.

Ärztlicher Vampiriusmus

Die Abnahme der Glieder erfolgte ohne Betäubung und die besonders schnellen Operateure genossen Respekt. Der Brite Robert Liston brauchte für ein Bein nur 25 Sekunden, wobei er in der Hektik einmal einem Patienten gleich den Hoden mitabschnitt. Über solche brutalen Methoden, bei denen viele Menschen verbluteten, aber auch vielen das Leben gerettet wurde, abgesehen von den unvorstellbaren Schmerzen, kamen der Aderlass und der Einlauf fast banal und dilettantisch daher, aber auch nicht ungefährlich. George Washington, der erste Präsident der USA, wurde wegen eines harmlosen Halskatarrs so oft zur Ader gelassen, dass er darüber praktisch verblutete und starb.

Absurd! Es herrschte ein richtiger Aderlass- so wie auch Abführwahn. Ersterer hatte sich auch einen Namen als „Vampirismus“ gemacht. Letzterer, mit Seifenwasser und Gummischlauch, war in den 1970ern in deutschen Krankenhäusern noch an der Tagesordnung. Ludwig XIII soll in einem Jahr 215 Abführkuren, 212 Klistiereinsätze und 47 Aderlässe verpasst bekommen – und überlebt haben. Molière, berühmt für sein bis heute rezipiertes Hauptwerk „Der eingebildete Kranke“, in dem er die stümperhafte Medizin parodierte, starb auf der Bühne an einem natürlichen Blutsturz infolge einer Tuberkulose. Fiese Infektionskrankheiten waren und bleiben die Herausforderung – bis in die Coronazeit, je nach Sichtweise, ungelöst.

 Diäten sind keine Erfindung unserer Zeit. Historisch waren die kuriosesten im Schwange und wer weiß, worüber man dereinst über die heutigen die Augen rollen wird. Ein Schwarzwälder Schmied soll gegen eine Darmverschlingung einen Trank aus Rossäpfeln verabreicht haben – Pferdescheiße. Aber nicht lachen! Den ersten Kaiserschnitt soll seiner Frau ein Mann appliziert haben, der berufsmäßig Schweine kastrierte. Mutter und Kind überlebten und die Frau soll ein Jahr darauf, normal, Zwillinge zur Welt gebracht haben.

Ohne Galgen, was wäre die Medizin heute?

Auf zwei Feldern boomte die Medizin: Auf den Schlachtfeldern der Kriege, weil die Versorgung der Verwundeten viele Routinen, auch Einblicke eröffnete, darunter die Amputationstechnik technisch zunehmend eleganter wurde, wenngleich nicht weniger brachial. Ein weiteres Geschenk für den medizinischen Fortschritt war der Galgen. Dort Gehängte waren vogelfrei und durften zu Studienzwecken aufgeschnitten und obduziert werden. Daneben blühte der Leichenraub und es gab auch Banden, spezialisiert darauf, Menschen zu töten und Medizinern zu Forschungszwecken zu verkaufen.

Beim Aufschneiden von Leichen wurde der Blutkreislauf entdeckt, der es aber auch sehr schwer hatte, von den Verwaltern und Hohepriestern des medizinischen Wissens als solcher akzeptiert zu werden, bis der Sonnenkönig Ludwig der XIV seine absolute Macht dagegen mobilisierte und die Aufnahme desselben in die Curricula der Universitäten dekretierte. Nicht immer schlecht sind Diktaturen.

 So erklomm die Medizin über viele Irrungen und Wirrungen ihr heutiges hohes Niveau. In nur zwei Jahrhunderten hat sich die Lebenserwartung verdoppelt. Es ist nicht ganz abzuweisen, dass wir heute in den besten aller Zeiten leben. Jedenfalls bisher. Und gar nicht auszudenken, wohin Lebenserwartung, medizinischer Fortschritt, auch daraus resultierendes Lebensglück in weiteren 200 Jahren geklettert sein werden.

… unterbelichtet: die Seele im Leibe!

Apropos Glück: Der Buchtitel suggeriert auch „Seele“. Mit Verlaub, die schwingt zwar zwischen den Zeilen immer mal mit, kommt aber insgesamt zu kurz, um so mehr, als selbige ein wichtiger Gesundheitskatalysator ist, im Guten wie im Schlechten. Wenn unsere Vorfahren vor 50 Jahrtausenden mit scharfen Muscheln und Steinen die Schädeldecken ihrer Zeitgenossen öffneten, dann auch, um die vermeintlich bösen Geister entweichen zu lassen und die davon Verfolgten zu kurieren. Und selbst Psycho-Koryphäe Freud konnte insgesamt wenig Licht ins Geheimnis bringen, wer in unserem Oberstübchen regiert. Aber auch das ist schon wieder Geschichte.

Dr. Bartens, die Mentalgesundheit durch die Jahrtausende, vielleicht ein Folgewerk?

Werner Bartens: Leib und Seele. Eine Reise durch die Geschichte der Medizin. Rowohlt Berlin 2025

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