Der Jour fixe der Journalistenvereinigung TELI befasste sich im Dezember 2025 mit Mark Walkers im Sommer erschienenen Buch „Hitlers Atombombe. Geschichte, Legende und das Erbe von Nationalsozialismus und Hiroshima“, erschienen im Wallstein Verlag. Vor der Veranstaltung im Münchner PresseClub mit einem Vortrag und Diskussion zu „Kompromisse mit Hitler“ interviewte TELI-Vorsitzender Arno Kral, Physiker, den Autor, Geschichtsprofessor am Union College in Schenectady, New York.
Opposition in der Diktatur
Es war die dritte TELI-Veranstaltung rund um das Thema Quanten im Quantenjahr 2025, das die Entdeckung der Quanten vor hundert Jahren würdigte. Daher wollte Kral zunächst wissen, ob ohne die Erkenntnisse über die Quantenmechanik Kernforschung überhaupt möglich gewesen wäre. Walkers Antwort war ein klares Nein. Beide waren miteinander verkoppelt und ergänzten einander.
Hätte Nazi-Deutschland denn überhaupt eine Atombombe bauen können, wollte Kral wissen. Auch das verneinte der Historiker. Deutschland fehlten dazu die Ressourcen und hatte mitten im Kriege dazu auch nicht die wirtschaftliche Kraft. Selbst die US-Amerikaner mit der geballten Kraft des Manhattan-Projekts waren erst im Juli 1945, vier Monate nach Kriegsende zu einem ersten Test imstande.
Waren die beiden großen deutschen Atomforscher, Heisenberg und von Weizsäcker, Nazis, fragte der TELI-Vorsitzende. Weder ein klares Nein noch Ja, lautete die Antwort. Als Wissenschaftler in einer Diktatur zu arbeiten unterliegt einem Spektrum von Grautönen, antwortete Walker. Heisenberg selbst wollte nicht emigrieren, wie viele seiner Kollegen, sondern im System bleiben, quasi in systemischer Opposition, Widerstand durch Kollaboration, den Weg mitbestimmen. Obwohl ab 1942 bekannt war, dass sich die Kernspaltung auch für Bomben einsetzen ließ, war das Interesse beider, Heisenberg und von Weizsäcker, auf den Bau eines Kernreaktors fokussiert, im damaligen Sprachgebrauch einer „Uranmaschine“. Gleichzeitig hatte sich Heisenberg aber auch politisch exponiert, war ein Vorzeigewissenschaftler des Dritten Reiches und hatte viele Ehrungen entgegengenommen, darunter 1943 das Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse.
Parallelen Hitler – Trump?
Hätte der erste bundesdeutsche Kanzler Adenauer eine eigene atomare Bewaffnung im Kalten Krieg durchsetzen können, wollte Kral wissen. Grundsätzlich schon, sagte Walker, weil die CDU/CSU die absolute Mehrheit im Bundestag besaß, aber die westlichen Siegermächte waren dagegen. Außerdem hätten namhafte deutsche Wissenschaftler 1957 in der Göttinger Erklärung das abgelehnt, darunter von Weizsäcker, der sich damit auch vom Verdacht einer zu großen NS-Nähe distanzierte.
Sieht Walker Parallelen zwischen Hitler und Trump, wollte Kral wissen, dem autokratischen US-Präsidenten, der die Wissenschaft seinen eigenen Machtinteressen unterwirft. Der US-Gast wollte Kompromisse und Schmeicheleien nicht gutheißen, bestand darauf, dass Wissenschaft sich selbst und dem großen Ganzen gegenüber relevant bleiben müsse und bedauerte, dass sein Land entscheidende Impulse beispielsweise in der Klimapolitik verliere.
Der TELI-Vorsitzende fragte nach der Rolle des Deutschen Museums bei der Entstehung des Buches und Walker verwies auf die Bedeutung des Archivs für seine Forschung. Insgesamt, so Kral, sei durch Walkers jahrzehntelange Beschäftigung ein Standardwerk zu dem umstrittenen Thema mit nunmehr eindeutigen Antworten entstanden. Ja, Kompromisse hat es gegeben, der Bau war allerdings unmöglich.
Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt
Eine prägnante Zusammenfassung seiner Arbeit findet sich auf den fünf Seiten seines Schlusskapitels in „Hitlers Atombombe“. Während Deutschland sich im totalen Krieg mit einer sich immer mehr abzeichnenden Niederlage verausgabte, konnte in Los Alamos „ein Vielfaches der Gesamtzahl der Uranforscher in Deutschland – mit großzügiger finanzieller Unterstützung der US-Regierung ungestört ihrer Arbeit nachgehen und sich dabei auf die logistische und technische Unterstützung der US-Armee und etlicher Industriezweige stützen“.
Dessen ungeachtet bleibe Hitlers Atombombe ein kontroverses Thema, „weil sie ein Gespenst ist, das nicht ein für alle Mal zu Grabe getragen werden kann“, auch nicht durch seine Synopsis. „Auch wenn es die deutsche Atombombe nie gab, hat die Vorstellung, dass sie existieren könnte, viele Leben tiefgreifend beeinflusst.“ Das lasse die Grenze zwischen Geschichte und Legende, Held und Schurke, Gut und Böse verschwimmen.
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Siehe hierzu ergänzend auch den Bericht über den Dezember-2025-TELI Jour fixe >>
https://www.teli.de/kompromisse-mit-hitler/
Die bibliografischen Daten zum Buch >>
https://www.wallstein-verlag.de/9783835357891-hitlers-atombombe.html
Mark Walker: Hitlers Atombombe. Geschichte, Legende und das Erbe von Nationalsozialismus und Hiroshima. Übersetzung Thorsten Schmidt
Reihe: Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte – Neue Folge; Bd. 38
476 S., 36 Abb., ISBN 978-3-8353-5789-1, € 39,00 (D)
Originalfassung Hitler’s Atomic Bomb bei Cambridge University Press >>
https://www.cambridge.org/core/books/hitlers-atomic-bomb/DA57735A3F74B2EC8B43FF0DC07ABE6A
Bei DAAD Heidelberg Talks Online präsentierte und diskutierte der Autor sein Werk im November 2025 international in seiner Heimatsprache auf Englisch >>
https://www.facebook.com/HeidelbergAlumniInternational/posts/dear-allthe-next-heidelberg-talks-online-hto-session-takes-place-on-wednesday-no/1414403717356223/
Rollout des Buches im Juli 2025 im Deutschen Museum anläßlich des 80. Jahrestages des ersten Atomwaffentests in der Wüste New Mexicos und dem darauf folgenden Abwurf über Japan; „Hitlers Atombombe“ entstand als Ergebnis ausführlicher Recherchen im Archiv des Deutschen Museums (wo auch das umfangreiche TELI-Archiv lagert) und erschien in der Reihe der Publikation der Einrichtung >>
https://www.deutsches-museum.de/museum/aktuell/das-geheime-atomprogramm-der-nazis
Foto: Mark Walker (l.) und Arno Kral, TELI-Vorsitzender, im Interview im Münchner PresseClub München vor dem Jour fixe zu Walkers Forschungen am 2. Dez. 2025 © Peter Knoll, TELI


