Dieser Buchtitel über die Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit passt perfekt in die Zeit. Wissenschaft gilt als Instrument der Definition von Wirklichkeit und Wahrheitsfindung, und gerade dieses Werkzeug ist bei unserem bisher großen Bruder, den USA, höchstregierungsamtlich unter massiven Druck geraten. Es werden Fakes gegen Fakten ausgespielt, Klimawandel ist von der Agenda gecancelt, es geht nur noch um „Deals“ und maximale Ressourcenausbeutung, derart hemmungslos, dass viele sich im Albtraum wähnen.
Nicht nur ihnen, sondern allen anderen Vernunftbegabten hilft, dass das bereits 2021 erschienene Buch der populären Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim jetzt noch mal als handliches Taschenbuch erhältlich ist. „Fakten gegen Fakes“ leuchtet es uns, gegenläufig zu transatlantischen Winden, vom hinteren Buchdeckel in Rot entgegen. Wohlan, was ist dran?
„Wie aufgezogene Frösche ins Gesicht springen“
Im Vorwort hält die Autorin ein vehementes Plädoyer für die Streitkultur. In der Tat, Demokratie und ihre in Politik, Wirtschaft, Rechtsprechung wie auch Kultur, nicht zuletzt Wissenschaft verankerten „Checks and Balances“ – ohne unterschiedliche Perspektiven und den Austausch darüber, vulgo „Streiten“ geht nix. Denn letztlich ist ja auch die Diskussion über Pro und Contra einer wissenschaftlichen These ein in aller Regel wertschätzendes Streitgespräch um die jeweils besten Argumente für die Annahme oder auch Ablehnung innovativ-neuer Leitideen. Idealerweise in offenem und freiem Wettbewerb und davon inspirierten Spirit.
Also, um eine Kostprobe vom durchgehend bildhaften Stil, der mitunter burschikosen Jugend-Sprache der promovierten Chemikerin zu vermitteln, sollte dieser Austausch „ohne dass wir uns wie aufgezogene Frösche ins Gesicht springen müssen“ erfolgen, ergo in sachbezogenen Debatten, um die sich selbstverständlich auch die TELI in ihren Jour fixen und Wissenschaftsdebatte bemüht.
Where is the meat?
Auf der Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit prüft Nguyen-Kim acht Fallbeispiele, darunter Tierversuche, Impfungen, Drogenlegalisierung auf ihre wissenschaftlich-methodische Hygiene. Where is the meat?, fragte sich der Rezensent auf den 32 Seiten zu den Drogen. Am Ende bleibt das offizielle Ranking grundsätzlich unangefochten, dass Alkohol und Nikotin die großen Killer bleiben, legal.
Nach der Liberalisierung von Cannabis, müsste der Staat sich nicht auch bei Kokain bewegen? Bevor die Mafia und der illegale Kokainhandel die Länder weiter unterwandert, ihre Wirtschaft und das Rechtssystem korrumpiert – mit desaströsen Folgekosten. Insgesamt um Dimensionen toxischer als bei der ausführlich diskutierten Prohibition. Und dies alles, eigentlich irrwitzig, den Gesetzen unseres Wirtschaftssystems, des Kapitalismus folgt. Die großen Märkte der Verbraucher in den USA und Europa bestimmen die Nachfrage, selbst höchste Mauern, auch Flugzeugträger machtlos dagegen sind.
Corona – ohne Ende!
Beim Impfen, pardon, eiert die Autorin. Zwischen „Lasst die Impfgegner in Ruhe!“ (S. 181) und dem „Nachklapp: Impfen ist kein Käsebrot“ (S. 205), in dem sie sich entschuldigt, 2021 eine Impfpflicht ausgesprochen zu haben, entgegen ihrer Überzeugung „Aufklärung statt Zwang“. Wie ehrlich, Chapeau.
Aber dieser Umstand wirft auch ein Licht darauf, wie über sämtliche wissenschaftliche Ratio sich alle uneinig über die Corona-Maßnahmen waren. Worüber die Polarisation bis dato anhält. Nicht zu reden von den Mental Health Schwächen der jüngeren Generation, zurückgeführt auf die übertrieben amtlich gehandhabte „Wegschließpraxis“. In der Krise bröseln Vernunft und die ausgerufene coole Debattenkultur.
Falsifizierung Ja, aber keine Verifizierung
Im Schlusskapitel fasst Mai Thi ihre Wissenschaftsphilosophie unter dem Titel des Buches noch mal zusammen. „Kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, das ist ziemlich genial formuliert, hält sie uns doch die Mengenlehre vor Augen mit den sich überlagernden Kreisen. Dort wo sie sich überschneiden und im Zentrum alle gemeinsam eine Fläche teilen, das sind Konsens, Wirklichkeit, Wahrheit. Das ließe sich noch wissenschaftlicher sagen, und zwar mit Sir Karl Popper, der sich mit diesem Satz den Ritterschlag der Queen verdiente: „Wissenschaftliche Theorien sind niemals endgültig verifizierbar, sondern nur falsifizierbar.“
Es gibt keine Wahrheit, sondern immer nur eine vorläufige, wir irren uns empor (wobei wir hier mal nicht fragen, wohin?). Auch die Literatur findet Antworten darauf, etwa Humberto Eco in Der Name der Rose: Wissen, Macht, Wahrheit sind innigst miteinander verschränkt; Wahrheit zu kontrollieren führt zu Gewalt und Unterdrückung – nur im freien Kräftespiel der „offenen Gesellschaft“ (Popper) wächst Wahrheit.
Willkommen im Münchner PresseClub!
In diesem Sinne, wir könnten nicht mehr einverstanden sein mit der Autorin, wenn sie das Buch abschließt mit dem gefetteten Satz: “Wissenschaftlichkeit heißt nicht, weniger zu streiten, sondern besser.” D’accord! Vielleicht fände die geschätzte Kollegin in 2026 einmal Gelegenheit, im Münchner PresseClub zu einem TELI Jour fixe und einer Debatte über die Wahrheit in der Wissenschaft vorbeizuschauen. Dies ist eine Einladung. Willkommen!


