Ob sich der Autor in dieser Charakterisierung wiederfände? Ein begnadeter, wenngleich unter sich selbst und seinem inneren wie äußeren Kampfe mit der Welt leidender, aber unverbesserlicher Paradiesvogel. Florian Kirner, eher Typus Freak mit Dreadlocks aus dem linken Polit-Spektrum, rastlos durch die Welt ziehend, findet, dass es allmählich Zeit wäre, mehr Ruhe in sein unstetes Leben zu bringen und kauft sich kurzentschlossen im Thüringischen ein veritables Schloss.
Stalingradharte Schosswinter
So, das 500 Jahre alte Gemäuer steht wie mittelalterliches Sauerbier in einer abgelegenen Landschaft herum und selbst für nur 1000 Riesen wollte es keiner haben, aus gutem Grunde, weil es nämlich halb verfallen ist. Wenn der gute Flori gewusst hätte, was er sich da auflädt.
Bibbern in stalingradharten Schosswintern, wenn eisige Kälte durch die alten Fenster und Mauerwerke fast hemmungslos hindurchwehte. Vermengt mit der sozialen Spannung, die nicht weniger klirrt, das übers ganze Jahr, vereinzelt auch in Gewalt eskaliert. Er, der Wessi und bekennende Schwule in einem 12 000-Seelen Ossi-Dorf mit einem rechtsradikalen Kern, diesen Zusammenstoß fängt er in vielen Episoden und ausdrucksstarken, teils gefühlsvollen Bildern ein, auch Selbstkritik ist ihm nicht fremd.
Scharmützel mit den „Heinzen“
Aber aufgeben, nie, im Gegenteil: Keinen Konflikt lässt er anbrennen. Er schaufelt sogar noch ein paar Schippen drauf, indem er – Schloss-Adel verpflichtet, auch namentlich, findet er – sich offiziell und durchaus provokativ „Prinz Chaos“ nennt. Als der Kunst und besonders der Musik Zugewandter veranstaltet er große Festivals (u.a. mit Konstantin Wecker), selbst in der Corona-Zeit, deren Einschnitten er mit seiner Chuzpe, Dreistigkeit, Schlagfertigkeit contra bietet.
Dabei gelingt dem unkonventionellen Schlossherrn das Unmögliche: Peu á peu das Riesenobjekt zu sanieren und zu einer Art Touristenzentrum auszubauen. Seine Scharmützel mit den „Heinzen“, wie er seine lokalen Widersacher getauft hat, machen ihn zum Dauergast in den Medien. Kraft dieser öffentlichen Aufmerksamkeit treten ihm zur Unterstützung viele Menschen beiseite, besonders auch Handwerker, die praktisch kollektiv an der Rettung und Renaissance der altehrwürdigen Ritterresidenz mitwerkeln.
Depressionen bis zu Suizidfantasien
Bei all diesen Hochs und Tiefs macht er aus seiner Seele keine Wüstenei, sondern bekennt sich zu seinen Depressionen, die bis in Suizidfantasien ausufern. Auf der Reise zu sich selbst entdeckt er die Meditation, der er sich überzeugend hingibt – bis er dann doch wieder nicht stillhalten kann und seinen Hut in die Wahl ums Bürgermeisteramt wirft.
Ein lesbares Buch, voll bunter Prosa – ja, schreiben kann der Prinz auch, nicht nur reiten, was er standesgemäß erlernt. Bei dieser großen Reise rund ums Schloss, den dort lebenden Menschen, den nicht abreißenden Eventualitäten wandelt sich der Autor, auch in der Verantwortung für seinen Besitz, dessen regionaler Bedeutung und historischem Gewicht, vom linken Revolutionär zu einem eher etablierten Bürger, weiterhin mit viel Sinn für Gerechtigkeit, prinzipiell sich treu bleibend: schräg und freiheitsliebend. Lebenslust x Wurschtigkeit – Angst = Freiheit, lautet seine Lebensformel.
Auch das: Buchdefizite
Kein Zweifel, sein Schloss wird den Paradiesvogel weiterhin unter Dampf halten. Sie passen ineinander wie Schlüssel und, wahrhaftig Schloss. Er ist ein Lehrstück, wie eher orientierungslose junge Menschen in ungewöhnlichen Herausforderungen Halt finden und über sich selbst hinauswachsen. Insofern hat das Buch, Genre autobiografischer Entwicklungsroman, Vorbildcharakter.
Was diesem Werk fehlt ist ein Grund- und Aufriss des Schlosses, in denen die Leserschaft mit Augen und Finger spazieren gehen kann, um den vielen räumlichen Beschreibungen des Autors und den Wegen durch die Rittersäle zu folgen. Ohne diese optische Hilfe bleibt das labyrinthische Schlossinnere eher abstrakt, oft verwirrend.
Dr. phil. Schloss Weitersroda?
Ein weiteres Desiderat wäre größerer historischer Tiefgang. Dieser Bau war Zeuge, Mitbeteiligter, bestimmt auch Treiber von einem halben Jahrtausend mitteleuropäischer Geschichte. Erbaut 1478, 14 Jahre bevor Kolumbus seinen Fuß auf die Amerikas setzte, hat es das Auf und Ab in die Neu- und Jetztzeit mit seinen unzähligen Konflikten mitgestaltet, ist insgesamt Inbegriff der so glorreich erachteten Rittergeschichte.
Solch historischer Rundgang findet sich zwar separat im Internet (>> Link unten), fehlt aber im Buchinhalt, wäre bestimmt Stoff für ein weiteres Schreibwerk, Interviews, Recherchen, Verdichtung. Aspiranten akademischer Titel könnten in diesem Schloss ihre Berufung finden.
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