Wandern für Mental Health

Seelenpfade surft auf einem großen Thema unserer hektischen Zeit. Der Verlust der mentalen Gesundheit, konnotiert durch das angesagte Modewort „Mental Health“. Der Autor, Redakteur einer der großen Tageszeitungen Deutschlands, Sebastian Schoepp, beginnt sich durch seinen Job zu quälen. Nein, kein Traumjob, der so viele lockt, sondern Gehetze von Airport zu Airport, Stress, Hierarchien, Ellenbogen. Frust, Burnout, Depressionen steigen in ihm auf.

Sieben Wanderreviere durch die Mittelgebirge

Ja, er ist privilegiert, nennt Spanien und die Länder Lateinamerikas sein Revier, jettet hin und her, aber verliert zunehmend die Lust daran. Seinen einzigen Halt findet er im Wandern, als Kind dazu von den Eltern vergattert – doch als Erwachsener findet er darin seine Zuflucht und ideale Entspannung in seiner rastlosen Arbeit.

In dem Buch stellt er sieben Wanderreviere durch die Mittelgebirge vor, vom Teutoburger Wald, über den Rheinsteig, die Nibelungenheimat im Odenwald, bis in die östlichen Randgebiete der früheren DDR im Riesengebirge mit Überlappungen nach Polen und Tschechien.

Die 235 Seiten sind voller hingebungsvoller Naturbeschreibungen mit originellen Bildern bspw. „Kissenlandschaft auf Laub“ und „blätterschuppig“, „blinzelndes Sonnenlicht“,  „kathedralenhaft“, „schwarzklaffende Erdspalten“, „züngelnde Geröllhalden“. Dazwischen blitzt die Geschichte der durchwanderten Berglandschaften auf, etwa am Rhein, wo sich die verschiedensten Völker quasi die Klinke in die Hand gegeben haben. Nein, nichts „Völkisches“, multi-kulti ist unser Geburtskessel, seit den Germanen und lange vorher.

Aussteigen aus der Tretmühle

Das alles wechselt ab mit den Seelennöten des Schreibers, dem Hin und Her, seinem laneher qualvollen Entscheidungsprozess, seiner Brotarbeit adé zu sagen und sich als Schriftsteller und Coach neuzuerfinden, nach 30 Jahren fester Anstellung. Dann, endlich: Mitten im Wandern fällt dieser Entschluss. Seelenpfade ist die literarische Frucht seiner Neuorientierung.

Darin findet sich viel Philosophie übers Wandern, wie die Liebe hierzu in der Romantik entstand, während zuvor nur die Ärmsten, Heimatlosen zu Fuß unterwegs waren, vom Bürgertum und Adel verachtet. In diese Historie sickert ein gerüttelt Maß an Zivilisationskritik mit der Erkenntnis, dass die kapitalistische Konsumwelt sich immer schneller dreht und die ihr Ergebenen als kaputte Menschen ausspuckt, wenn sie nicht mehr mithalten können. Auch die Gründe dafür leuchtet Schoepp aus, etwa mit Luther, für den nicht essen sollte, wer auch nicht arbeitete, oder mit Max Weber, dass man sich durch Arbeit einen Platz im Himmel erschuften könnte.

Durch manche Bücher quält man sich als Rezensent, blättert sie über weite Passagen eher durch, doch das vorliegende wurde in Gänze gelesen. Es hält seine Lesenden durch seine Vielfalt bei der Stange, nicht zuletzt auch durch den inneren Konflikt und Cliffhänge. Wie will ich leben? Im Verlauf schleicht sich zumindest der Hauch eines Zweifels ein, ob der Autor wirklich den Ausstieg schafft, weil wir ja alle in diese Mühle, „rat race“ sagen passenderweise die Anglos, in irgendeiner Weise eingebunden sind, und auch Freizeitwandern ist ein Teil davon geworden.

Subversives Wandern

Romantischer Eskapismus oder auch „subversive Wanderlust“, wie der Autor formuliert – eine Blaupause für den Neuentwurf unserer natur- und menschenfressenden Realität, erfunden vor einem halben Jahrtausend hierselbst im Abendland, synaptisch tief in uns eingebrannt?

Optisch hilfreich ist das Aufzeichnen der Wanderwege auf den Buchdeckeln. Nur hätten sie mit Angaben über die Entfernungen in Kilometern und die Dauer der Wanderung faktisch gewinnen können. Wo wir bei der Kritik sind, übrigens nur ein klitzekleines Druckteufelchen entdeckt (S. 174). Hilfreich wäre auch gewesen, wenn der Autor eines seiner Kapitel der Wanderlogistik gewidmet hätte, denn sein Werk wird zweifellos Nachahmer animieren. Geht das Ganze in unser sprunghaft alternden Gesellschaft nur für U-60? Wie plant man eine solche Wanderung, welches Kartenwerk wird benötigt, was findet sich an Hilfen im Netz, wie spürt man Wegmarkierungen auf, vor allem: Herbergen für die Übernachtungen, wenn die Dämmerung bereits einsetzt, welche Hürden gibt’s?

Zum Schluss hin verliert das Buch an Spannung. Die Wanderung durchs Riesengebirge ähnelt einer ganz normalen Reisereportage. Und dass man auch beim Gehen und Wandern im Einzugsbereich seiner häuslichen Umgebung Wandererlebnisse haben kann, ist bestimmt richtig, auch nicht verkehrt, das Buch damit ausklingen zu lassen, schmälert aber ein wenig die so farbig dargestellten Erlebnisse großer Touren, indes: Gehen, ganz egal wo, auf und ab in der Wohnung, durch den Kiez, Gehen aktiviert das Gehirn, ist nicht nur meditativ, sondern hilft beim Denken, Texten, sogar Vortragen.

Mittelmeer an Rhein und Mosel

Der Drang in die Ferne ist im Grunde ein Irrweg, resümiert der Autor. Sein Kronzeuge ist das mediterrane Becken, das für den Tourismus geopfert und wo die Natur zugebulldozert worden ist. Aber, mediterranes Feeling findet sich auch an Rhein und Mosel. Insgesamt sehr  verlockend, die nächsten Ferien auf einem der vielen Fernwanderwege zu planen: Erstaunlich, in Deutschland findet sich ein Netz von 200.000 (!) Wanderkilometern (60.000 in Europa). Für den hoffnungslos überlaufenen Jakobsweg, der „längsten Partymeile“, macht der Autor keine Empfehlung. Wie angenehm dagegen, die unaufgeregten Mittelgebirge.

Im Abgang im O-Ton Schoepp: In den abgerocktesten Unterkünften finden sich meist die nettesten Wirtsleute und jedes Kaff ist ein Kosmos. Die Abenteuer liegen vor der Tür – auf geht’s! Kein schlechter Vorsatz an Neujahr 2026.

Sebastian Schoepp: Seelenpfade. Warum ich durch Deutschland wandere, um zu mir selbst zu finden. Westend Neu-Isenburg 2025, 24 Euro

Autoren-Webseite >>
https://sebastian-schoepp.de/

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