Warum der Kopf rund ist? Damit Denken die Richtung wechseln kann!

Es sind schwierige Zeiten und die Ideologismen zerren mal wieder heftig an ihren Ketten. Rechts gegen links, links gegen rechts – wofür man sich auch immer halten möge, immer kräftig hau-druff. Wenn das Denken die Richtung ändert gebietet Einhalt und ist bemüht, den volatilen Zeitgeist mit der Vernunft zu bändigen, mit Augenmaß die aktuellen Herausforderungen einzuhegen.

Rütteln am Demokratieverständnis

Gerade für Jahrgänge aus den 1950ern sind die 14 Kapitel, darunter Promi-Autoren wie Henryk M. Broder, Antonia Grunenberg, Harald Martenstein, eine spannende Zeitreise durch ihre politische Sozialisierung. Sie reicht vom braun durchsetzten Postnationalsozialismus der Bundesrepublik und dem ideologisch verkrampften DDR-Sozialismus über Willy Brandts Aufbruch „Mehr Demokratie wagen“ bis hin zu den Entgleisungen der 68er-Bewegung im RAF-Terrorismus. Es folgen die Zersplitterung der Linken in Anti-Atomkraft-Bewegung, Spontis und Hausbesetzer, durchsetzt von marxistischen Hardlinern, die spätere Bündelung in der Grünen Partei sowie der Fall der Mauer mit der bis heute eher missglückenden Wiedervereinigung. Auch islamistischer Terror, die Migrationskrise und Merkels „Wir schaffen das“ bis hin zum aktuellen Nahost-Kriegsherd stehen im Brennglas.

Dies alles aus den Perspektiven von Personen, die sich in ihrer Jugend dem linken politischen Spektrum zurechneten, aber sich mittlerweile davon abgewandt haben, nur: So unterschiedlich die Zugänge zur Wiedergeburt Deutschlands aus den Trümmern des Nationalsozialismus auch sind – einig sind sich alle darin, wie notwendig das damalige Rütteln an Institutionen und mangelhaftem Demokratieverständnis war.

„Faszinosum Revolution – naiv“

Daniel Cohn-Bendit, neben Joschka Fischer eine Ikone der 68er, formulierte einst, fast romantisch: „Wir haben sie so geliebt, die Revolution.“ In seiner Autobiografie und späteren Interviews räumt er jedoch ein, dass sich viele damalige Aktivisten über das Wesen des Kommunismus getäuscht hätten. „Naiv“ nennt er diese Faszination rückblickend.

Zu ähnlichen Schlüssen kommen die Autoren des Buches: Der Marxismus-Leninismus habe in über hundert Jahren kaum die versprochenen gesellschaftlichen Fortschritte hervorgebracht, dafür jedoch vielfach Leid und Elend.

Hier beginnt das eigentliche Problem: Wohin orientieren sich Menschen, die sich aus diesen ideologischen Prägungen lösen? Zur klassischen Sozialdemokratie, der zunehmend die traditionelle Wählerbasis fehlt? Zur politischen Rechten oder gar Radikalrechten, die historisch schwer belastet ist und in aktuellen Strömungen wieder Auftrieb erhält? Schnell geraten Abtrünnige in entsprechende Schubladen.

Woke oder was?

Und die Grünen? Auch sie schneiden bei den Autoren eher kritisch ab: zu dogmatisch, zu „woke“. Dieser Begriff steht inzwischen für ein breites Spektrum von Antirassismus, Feminismus, queeren Identitäten, Postkolonialismus und Klimabewegung – gewissermaßen die neue Speerspitze gesellschaftlicher Veränderung, vergleichbar mit den 68ern.

Im sogenannten Wokismus, kontrovers diskutiert, ist keineswegs alles falsch. Bricht die Sprache zusammen, wenn wir von „Lehrenden“ und „Studierenden“ sprechen? Ist es nicht zutreffend, dass über lange Zeit vor allem weiße, meist ältere, patriarchalisch geprägte Männer globale Normen geprägt haben – die Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus Vorschub leisteten? Und wie bewerten wir den Geist der Aufklärung, der einerseits diese bedauernswerten Entwicklungen begleitete, andererseits Wissenschaft und Technik hervorbrachte – mitsamt lawinenartig wachsendem Energieverbrauch und überbordenden Materialismus? Wo liegen die Grenzen, und wer definiert sie?

Übergriffige Christen und Islamisten

Die Klimadebatte wirkt hier als Korrektiv, das zum Maßhalten mahnt – gleichzeitig auch daran erinnern sollte, dass die großen Klimaveränderungen und Katastrophen historisch und erdgeschichtlich nie menschengemacht waren. Ebenso gilt: Wenn wir die übergriffige Rolle der christlichen Religion kritisch betrachten, überrascht es nicht, ähnliche Tendenzen auch im politischen Islam zu sehen. Gleichzeitig stehen Praktiken wie die Unterdrückung von Frauen im harten Widerspruch zu modernen Freiheitsvorstellungen.

Feminismus und Antifeminismus schließen einander aus. Wenn sich Neo-Nazis und Islamisten im Antisemitismus begegnen, zeigt sich eine unheilvolle Schnittmenge. Und wenn in Deutschland Forderungen nach einem Kalifat laut werden, gar schulische Autoritäten angefeindet werden, wird eine rote Linie überschritten und Toleranz hört auf.

Geben wir uns keinen Illusionen her: Ganz egal wo wir hinschauen, wir sind eine unfertige Gesellschaft, werden es vermutlich immer bleiben. Fortschritt entsteht stets dort, wo Menschen Veränderungen anstoßen, ohne in Extreme oder Widersprüche zu verfallen. Doch eine klare politische Heimat jenseits der klassischen Links-Rechts-Achse ist für viele bislang nicht erkennbar – und die politische Mitte erscheint ebenfalls nicht als Fels in der Brandung.

Dreadlocks oder lähmender Stillstand?

Das Buch ist edel gestaltet, viele Beiträge lesen sich absolut spannend, etwa die Lebensgeschichte der Kabarettistin Monika Gruber; nur aufs Lektorat kommt bei der nächsten Auflage Arbeit zu, nämlich einige der Fehler zu korrigieren, so etwa „Deadlocks“, was als „lähmender Stillstand“ für dieses Land ja auch nicht ganz falsch wäre, nur dass damit die unter den Verdacht „kultureller Aneignung“ geratenen Haarlocken gemeint waren.

Bleibt die grundsätzliche Frage: Neigen wir Deutschen besonders zu gefährlichen Extremen? Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass das Trauma von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg weiterhin nachwirkt. Eine latente moralische Schuld erschwert bis heute die Suche nach Balance, speziell in der Migrationsdebatte.

Arendts moralischer Imperativ: Denken ohne Geländer

Am Ende ist jeder aufgefordert, selber zu denken und damit auch überkommene und lieb gewordene, oftmals veraltete Denkhülsen hinter sich zu lassen. Das ist immer dann verlangt, wenn wie derzeit die Lebensumstände sich in galoppierendem Tempo ändern. Als Handreichung dafür hinterlegt Antonia Grunenberg den bildhaften Satz „der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“. Als moralischer Imperativ für eine freie und sich selbst moderierende Gesellschaft gilt das Postulat der mehrfach zitierten Hannah Arendt. Sie wendet sich gegen jede Art von betreutem Denken und fordert mutig, ja weltformelhaft: „Denken ohne Geländer“.

Und zwar im Alltäglichen, vom neue Rezepte, Wege und Speisen ausprobieren, mal um hab fünf statt um acht aufstehen, statt Mozart einen chinesischen Musikabend besuchen – bis im großen Ganzen sich mal auf Neues, eine andere Denke und Geist einlassen, vielleicht auch auf dieses anregende Werk.

Ulli Kulke, Reinhard Mohr (Hrsg.): Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind. Kohlhammer, Stuttgart 2026, 24 €

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2 Gedanken zu “Warum der Kopf rund ist? Damit Denken die Richtung wechseln kann!

  1. … danke für dein reges Kommentieren, lieber Hajo!

    Long time ago, haben wir dieses Debattenformat eingerichtet.
    Und wie schön, dass es weiterhin zu Austausch ermutigt

    Tja, Mensch, mit der Moral, darüber streitet Mensch sich seit 10 000 Jahren und vermutlich noch viel länger.
    Mit Gesetzen, da haben wir es in den Technik- und Naturwissenschaften leichter.

    Übrigens, unter uns, ich find den ollen Kant mit „sapere aude“ auch noch ziemlich beliebig, insgesamt überbewertet.
    Wer kann sich’s schon leisten, selbst zu denken, vor allem, hat das Zeug dazu, und wie erfolgt eine objektive Ergebnismessung?

    Viel eindrücklicher und bildlicher finde ich die Hannah, die ich gerne mal persönlich kennengelernt hötte und deren Handreichung in meinem Office hängt:
    „Denken ohne Geländer.“

  2. Lieber Wolfgang,

    Du schreibst: „Ebenso gilt: Wenn wir die übergriffige Rolle der christlichen Religion kritisch betrachten, überrascht es nicht, ähnliche Tendenzen auch im politischen Islam zu sehen.“

    Aber das gilt doch für alle Religionen, egal ob Hindus, Buddhisten, jüdische Siedler und religöse Zionisten, traditionelle und primäre Religionen?!

    Nur: die Religion ist nicht die treibende Kraft, sondern sie ist nur das „Überbau-Narrativ“. Darunter liegen und lagen als Motive schlicht und einfach Macht, Herrschaft und Besitz.

    Aber zu „Arendts moralischem Imperativ“:

    Hannah Arendt hat nie einen „moralischen Imperativ“ postuliert!!! Sollte ich michwirklich irren, schreib mir bitte genau, wo sie das geschrieben hat.

    Das haben ihr Interpreten, Journalisten (wie du) oder Essayisten nur unterstellt!

    Ich kann nur dringend empfehlen, Hannah Arendt selbst zu lesen!

    Denn Arendt thematisiert die Idee eines moralischen Imperativs kritisch! Sie steht nämlich für eine Ethik, die von Pluralität, Weltlichkeit und Urteil ausgeht, statt für eine Ethik vom Befolgen eines universalen moralischen Gesetzes.

    Deshalb dient ihr der kategorische moralische Imperativ als Negativfolie! In ihren Texten dominiert die Kritik an moralischen Maßstäben und festen Regelkatalogen. Sie spricht eher von einer inneren Stimme von Recht und Unrecht und von der Fähigkeit zu urteilen — ohne vorgegebene Kategorien.

    Ich halte die Postulierung eines moralischen Imperativs für äußerst gefährlich!

    Die Berufung auf einen moralischen Imperativ will deliberative Auseinandersetzungen abkürzen und Mindermeinungen delegitimieren. Die eigenen Positionen werden als moralisch geboten präsentiert. Das ist gefährlich für die Demokratie. Sinngemäß sieht das übrigens auch der zweite Bericht über die Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in der Bundesrepublik Deutschland mit dem Titel „Demografischer Wandel und bürgerschaftliches Engagement: Der Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung“ (erstaunlich für das Dokument einer Regierung, die immer mal wieder mit Moral kommt).

    Ein moralischer Imperativ beansprucht, wie jeder Imperativ, für alle zu gelten. Angesichts kulturell und historisch variabler Moralvorstellungen ist das übergriffig.

    Moralischer Imperativ ist folgenblind. Er richtet sich nach der Maxime oder nach einer Pflicht, nicht nach den Konsequenzen. Handlungen mit schlechten Folgen können auf diese Weise trotzdem als moralisch richtig erscheinen – solange sie formal dem Imperativ folgen. Israel hält den Krieg gegen die Palästinenser für moralisch geboten, Netanjahu und andere rechte Israelis laden ihn darüber hinaus auch religiös auf, gegründet auf 5. Buch Mose, 25, V. 17-19. Kritikern wirft Netanjahu dagegen moralische Verwirrung vor. Das zeigt: Mit moralischem Imperativ zu argumentieren ist hoch gefährlich!

    Moralische Normen sind immer in soziale Praktiken und Machtkonstellationen eingebunden, ein moralischer Imperativ ist also eher gefährliche Ideologie als echte Vernunft.

    Kant ist halt schon lange tot und somit teilweise überholt: Kontextblind, folgenblind, individualistisch. Kant setzt rationalistische, distanzierte Subjekte voraus und vergisst Abhängigkeiten, Emotionen und leibliche Verletzlichkeit. Er kennt keine Gerechtigkeitsprinzipien (Verteilungsfragen: Bedarf, Fähigkeit, Beitrag). Naja…

    Eines bleibt aber von Kant: Selbst denken! Unbedingt!

    Schöne Grüße
    / Hajo

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