Wie sich „Herdfeuer und Hochkultur“ gegenseitig bedingen und daraus der moderne Mensch hervorging, ist das zentrale Thema des gleichnamigen Buches. Die Argumentation ruht auf zwei Grundpfeilern: Zum einen ermöglichte erst die Nutzung des Feuers und das Kochen von Nahrung entscheidende Entwicklungsschritte – die allerdings während der rund zwei Millionen Jahre währenden Epoche der Jäger und Sammler vergleichsweise moderat ausfielen. Zum anderen setzte mit der Sesshaftwerdung vor etwa 10.000 Jahren, dem gezielten Anbau von Getreide und dessen Verarbeitung über dem Herd ein Evolutionsschub ein.
Kontinent von Körners Gnaden
So weit forscherisch bekannt – und mit der Lektüre drängt sich eine ergänzende These auf: Vor diesem Hintergrund erscheint die Bezeichnung Homo sapiens – der „weise“ oder „vernünftige“ Mensch – fast ein wenig hochtrabend. Treffender, weil bodenständiger, wäre vielleicht Homo coqus cerealis: der „Getreide kochende Mensch“. Der salopp formulierte „Körndlfresser“ zieht sich denn auch als roter Faden durch die rund 250 Seiten des Buches – insbesondere in seiner Rolle als Brotbäcker und Brotesser. Ohne die zahlreichen Getreidesorten, die vom Nahen Osten über Ägypten, Griechenland und das Römische Reich nach Europa gelangten, wäre das Abendland – man könnte auch sagen: das „Brotland“ – mit seinen zivilisatorischen Entwicklungsschüben in seiner heutigen Form kaum denkbar.
Von mediterranen Weißbroten bis zu den kräftigen Misch- und Schwarzbroten des Nordens: Ohne verarbeitete Körner ist das europäische Leben kaum vorstellbar. Die bis ins Mittelalter zurückreichende Butterstulle begleitet viele bis heute durch den Alltag, und selbst das im Zweiten Weltkrieg entstandene „Beikostbrot“ zur Ergänzung des kargen Mittagessens hat seinen festen Platz behalten.
Bier und Wein zur Desinfektion von Wasser
Das Buch des historischen Erzählers Wolfgang Brenner liest sich lebendig, unterhaltsam, ist auch bildend. Wo Reclam draufsteht, ist auch Reclam drinnen. Es ist reich an anschaulichen Anekdoten über Ernährung, Kochkunst, Rituale und Tabus – und zeigt, wie eng diese mit sozialem Leben, religiösen Vorstellungen und politischen Machtstrukturen verknüpft sind. Am Rande wird auch deutlich: Bier und Wein begleiteten alle Hochkulturen – nicht zuletzt, um durch Alkohol verunreinigtes Wasser genießbar zu machen. Selbst Goethe soll, wie überliefert, täglich bis zu drei Liter Wein getrunken haben, und zwar aus hygienischen Gründen.
Die 40 Kapitel sind angenehm kurz getaktet, in den knappen Überschriften treffend geteasert. Die Gestaltung ist lesefreundlich, ergänzt durch einen farbigen Bildteil in der Mitte. Dieser hätte allerdings von ausführlicheren Bildlegenden und einer stärkeren inhaltlichen Einbindung profitieren können. Angesichts der Stofffülle überrascht das mit gut fünf Seiten recht übersichtliche Literaturverzeichnis; ein Schlagwortregister fehlt leider ganz.
Pizza, Döner & Co – was bietet das Menü der Zukunft?
Nach einem dichten und überzeugenden Vorwort wirkt das Schlusskapitel etwas aus dem Rahmen fallend. Statt apokalyptischer Weltbevölkerungsprognosen hätte ein visionärer Blick in die Zukunft unserer Ernährung einen stimmigeren Abschluss gebildet. Denn die spannende Frage bleibt: Was kommt nach Pizza, Pasta, Burger und Döner?


